„Dumm gelaufen – aufgelaufen“

Abendstimmung vor unserer Abreise aus L'Aber Wrac'h

Abendstimmung vor unserer Abreise aus L’Aber Wrac’h

Erst einmal Entschuldigung für die kurze Sendepause, aber in Camaret hatten wir keinen Internetzugang. Das Hafen-WiFi lag darnieder und konnte über das Wochenende nicht wiederbelebt werden. Doch an Unterhaltung sollte es uns trotzdem nicht mangeln.

Mit etwas Glück erwischen wir gerade noch einen der letzten freien Liegeplätze im alten Hafen von Camaret. Um uns herum viele Franzosen, die mit ihren Booten vom benachbarten Brest aus über die Bucht rübergemacht haben, um ein feuchtfröhliches Wochenende in angenehmer Umgebung zu verbringen. Und merke: Wer am Freitagabend einen Liegeplatz im alten Hafen von Camaret ergattert, der gibt diesen auch bis Sonntagnachmittag nicht mehr her. Und spätestens wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, ist es Zeit für den ersten Pastis und ein Gläschen eisgekühlten Rosé. Wir haben uns alle Mühe gegeben, uns den Landessitten anzupassen.

Am Abend geht es dann raus auf die kleine Hafenmeile. Hier reiht sich Brasserie an Creperie an Restaurant an Bar. In einigen Bars und Restaurants findet zu unserer großen Freude sogar die „transmission de la coupe du monde“ statt. Es gibt also doch noch Fußballfans in Frankreich. So können wir das WM-Vorrundenspiel Deutschland-Ghana live am Fernseher verfolgen.

Am Samstagabend wird die Hafenmeile von Camaret gleich komplett zur Fußgängerzone erklärt, angeblich wegen des sonntäglichen Marktes. In Wirklichkeit findet samstags auf der Hafenmeile ein kleines Open-Air-Festival statt. Auf 500 Meter erleben wir auf improvisierten Bühnen gleich drei Live-Acts: Keltische Folklore, eine Police-Coverband und eine Techno-Party mit viel Nebel sowie einem DJ und einer Sängerin, die offensichtlich an diesem Wochenende ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum als Raver feiern.

Tagsüber genießen wir das Programm im Hafenkino. Diesmal läuft das Stück „Dumm gelaufen – aufgelaufen“. Eine kleine Herrencrew will abseits des betonnten Fahrwassers, aber keine 50 Meter vor unseren Logensitzen im Cockpit der Florentine eine Abkürzung nehmen. Hätten diese Herren regelmäßig unseren Blog verfolgt, dann wüssten sie, dass viele Häfen in der Bretagne bei Ebbe schon mal ganz oder teilweise trockenfallen. Auch im Hafen von Camaret herrscht bei Ebbe an einigen Stellen Wassermangel (darum vermutlich auch die Fahrwassertonnen).

Kurzum: Die Herren sitzen mit ihrem Schiff fest. Dann folgt das komplette Programm aus dem Lehrbuch. Erstmal gucken ob keiner guckt (natürlich gucken alle!). Dann etwas mehr Gas geben, oder lieber doch Vollgas zurück? Vielleicht mit Rudereinschlag links oder doch besser nach rechts. Nix tut sich. Ah, da war doch mal was mit Krängung! Also Segel setzen; erst das Groß und weil es das allein auch nicht bringt folgt zusätzlich noch das Vorsegel. Das Schiff legt sich dann auch gehorsam auf die Backe. Nur blöd, dass der Wind aus der falschen Richtung bläst. Jetzt liegt das Boot richtig auf Schiet und die erfahrenen unter den Zuschauern auf den umliegenden Booten holen schon mal die Polster raus, weil sie wissen, dass das Stück nun etwas länger dauert. Und die Zeit spielt gegen die Herrencrew. Das Wasser im Hafen ist immer noch auf dem Rückzug. Schlepphilfe wird herangewinkt. Zuerst ein kleines Segelboot mit Außenborder. Zu schwach. Dann naht die Rettung in Gestalt eines hoch motorisierten Schlauchbootes. Doch das Gummiboot hat keine ordentliche Klampe, und so gelingt es nicht, die 150 Pferdestärken vor die Schleppleine zu spannen. Frust, Stille, Nachdenken. Dann wieder Aktivität auf dem Grundsitzer: Der Anker fliegt über Bord. Pause. Nachdenken. Reflektionsphase. Keine schlechte Idee mit dem Anker, aber 30 Zentimeter vor dem Bug im Wasser scheint der Anker auch nicht besonders hilfreich zu sein. Das nächste Schlauchboot wird herangewinkt, um den Anker weiter entfernt im tiefen Wasser auszubringen. Die schwere Ankerkette verhindert jedoch, dass das Schlauchboot sich weiter als fünf Meter von dem Havaristen entfernen kann. Neuer Versuch: Anker samt Kette ins Schlauchboot und eine Leinenverbindung von der Kette zum Boot. Endlich kann der Anker im tiefen Wasser ausgebracht werden. Ob der Grundsitzer wieder frei gekommen ist? Ja, nach zwei Stunden als das Wasser wieder stieg.

Camaret 026a

In Camaret gibt es einen offziellen Schiffsfriedhof. Im Hintergrund der alte Hafen mit Hafenmeile.

Camaret 031

Blick von der Steilklippe auf Camaret

Wir haben übrigens in den vergangenen Tagen nicht nur Fußball und Kino geguckt, sondern sind auch ein paar Meilen gesegelt. Besser gesagt, wir haben unsere Königsetappen in der Bretagne absolviert, wie man sie wohl bei der Tour de France nennen würde: Den „Chenal du Four“ und den „Raz de Sein“, zwei Meerengen mit starkem Tidenstrom und tückischen Turbulenzen. Der Reeds, „The Yachtsman’s Bible“, empfiehlt die Passage dieser Meerengen nur bei guten Wetterbedingen und bei Stillwasser: „Precise timing ist vital: even an hour early or late on slack water can greatly affect the sea state.“ Wir waren also vorgewarnt.

Und wie war’s? Laaaaaaaaaaangweilig! Ehrlich, bis zur Einfahrt in den Chenal du Four hatten wir acht Knoten auf der Logge mit schönem, raumem Wind. Dann muss uns jemand kommen sehen haben und hat von einer Minute auf die andere den Wind abgedreht. Unter Motor sind wir dann durch die ölige See durch diesen „Höllenschlund“ getuckert.

Chenal du Four

Chenal du Four

Für die Passage des „Raz de Sein“ erforderte „precise timing“ eine Startzeit in Camaret um 4.30 Uhr. Um 7.20 Uhr haben wir „La Vielle“ (den legendären Leuchtturm „Die Alte“) ohne Nervenkitzel aber mit schönem Segelwind passiert. Eine nette Belohnung für uns Frühaufsteher.

Leuchtturm "La Vielle" im Raz de Sein

Leuchtturm „La Vielle“ im Raz de Sein

Jetzt liegen wir vor den Festungsmauern im Hafen von Concarneau. Was uns hinter den Mauern in der Stadt erwartet, erkunden wir nach dem Frühstück. Doch davon später mehr…

Statistik:

Logge seit Heeg: 830 sm

Weg über Grund: 888 sm

L’Aber Wrac’h – Camaret: 36 sm

Camaret – Concarneau: 62 sm

Hafengeld Camaret 25,- €, Duschen 2 € – Note 3-

Hafengeld Concarneau 27 €, Duschen 0 €, Note 3

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3 Antworten zu “„Dumm gelaufen – aufgelaufen“

  1. Guten Morgen, Ihr Lieben! die Geschichte mit den trockengelaufenen Herren könnt nur ihr so erzählen- bald kriegt ihr sicher Anfragen von dem einen oder anderen Verleger! Bussi, Anja

    • Habe zwar keine Ahnung von Mast und Schotbruch , aber liest sich sehr lustig.
      Gruss aus dem Land der tausend Berge !
      O.Schulte

  2. Da hattet ihr es ja wirklich gut bei den Stromschnellen. Als wir in Gegenrichtung durch sind flogen zum 1.Mal die Schubladen aus den Schränken.
    Gutes Weiterkommen und immer eine Handbreit….
    Christel & Arwed SY Spray (kennengelehrnt in L’Aberwrac’h und jetzt wieder im Alltagstrott)

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