Im Schmetterlings-Stil das Ende der Welt passiert

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Mit vielen anderen Schiffen haben wir in den vergangenen fünf Tagen gewartet, dass sich der Wind wieder etwas beruhigt. Gestern war es dann soweit. Drei bis vier Windstärken aus nördlichen Richtungen verursachten morgens einen Massenaufbruch in Camariñas. Auch wir nutzten diese Einladung zum Kaffeesegeln gern, und machten uns auf, das Cabo Finisterre, das Ende der Welt, anzusteuern. Im Schmetterling-Stil (ein Segel an Backbord, das andere an Steuerbord gesetzt) rauschten wir ganz unspektakulär mit einem lupenreinen Rückenwind an dem gefürchteten Kap vorbei. Nach achteinhalb Stunden Segelgenuss hatten wir dann unser Etappenziel, den Hafen von Muros erreicht.

Auch der Ort Muros liegt wieder in einer Ria, also im Mündungsbereich eines großen Flusses. Die Bucht geht mehrere Kilometer ins Landesinnere, ist umsäumt von bewaldeten Hügeln. Zwischen den Hügeln gibt es immer mal wieder kleine Buchten mit Sandstränden, vor denen man ganz romantisch ankern kann und viele kleine Orte mit Fischerhäfen. Kurzum: Hier sieht es aus wie in Schottland ( so steht es zumindest in unserer britischen Seglerbibel, dem Reeds Nautical Almanac: „… like Scotish sea lochs.“)

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Muros, like a scottish loch, aber doch ziemlich spanisch

Was macht man in einem kleinen spanischen Ort ohne besondere Sehenswürdigkeiten, in dem man tagelang eingeweht festsitzt? Langeweile? Keine Spur! Im Zweifel hilft eine kleine Inspektionsrunde über und unter Deck, da findet sich immer etwas zum Schrauben. Diesmal wollten wir einem verdächtigen Geräusch im Bugbereich auf den Grund gehen. Immer wenn das Rigg unterwegs in den Wellen arbeitete, machte sich dort ein unangenehmes Knatschen bemerkbar. Und dann der Schock! Der Bugbeschlag, an dem wir unsere Rollfockanlage und das Leichtwindsegel angeschlagen haben, hatte sich gelockert und auch schon ein wenig nach oben gebogen.

Beim Verlegen des neuen Teakdecks war der Bugbeschlag demontiert und anschließend nicht mit der nötigen Sorgfalt befestigt worden. Mit dem größten Kreuzschlitzschraubendreher, den wir auftreiben konnten, haben wir die Schrauben des Beschlags wieder festgezogen. Das ist jedoch nur eine provisorische Lösung. Beim Kontrollblick kopfüber in den Ankerkasten mussten wir zu unserem großen Entsetzen feststellen, dass die Kontermuttern der vier Schrauben für den Bugbeschlag nur mit einfachen Unterlegscheiben unterfüttert sind, die sich mit jeder kräftigen Schraubendrehung so langsam in das GFK-Gelege reinziehen. Jetzt sind wir also auf der Suche nach einer Schlosserei, die uns eine passende Metallschiene mit Bohrungen anfertigt, damit die auftretenden Kräfte der vier Befestigungsschrauben gleichmäßig auf die Innenseite des Bugbereichs verteilt werden. Dann können wir auch die Schrauben ordentlich und dauerhaft „anknallen“.

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Marina Camarinas, Blick über den Bug

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Marina Camarinas, Blick über das Heck auf die Fischfabrik

Apropos Suche: Wir sind fündig geworden, fündig auf unsere Suche nach Gas. Bei der Lösung des Beschaffungsproblems haben Kommissar Zufall und detektivischer Spürsinn geholfen. Beim Blick über den Steg sehe ich zufällig einen holländischen Bootsnachbarn, der sich mit einer großen Gasflasche abschleppt und Richtung Parkplatz verschwindet. Da er diese gut 20 kg schwere Flasche nicht zum Spaß mit sich herum schleppt, lag der Verdacht nahe, dass er womöglich eine Gasquelle aufgetan hatte, die wir nicht kannten. Da der Holländer bereits einen ordentlichen Vorsprung hatte und außer Rufweite war, schnappte ich mir eines unserer Klapprennräder und nahm die Verfolgung auf. Mit Erfolg! Ich konnte den Holländer mitsamt einer neuen Gasflasche gerade noch rechtzeitig stellen, als er sich von einem Wander-Gashändler verabschiedete, der schon wieder im Führerhaus seines Lastwagens Platz genommen hatte und gerade im Begriff war, das Marinagelände zu verlassen.

Zwar hatte der reisende Gasmann nur spanische Gasflaschen mit 11 kg Füllung im Angebot, aber egal. Hauptsache Gas. Kathrin hat schon seit einigen Wochen Brot-Back-Verbot, und es kommt auch nur noch Kurzgebratenes auf den Tisch, weil ansonsten in Kürze die Bordküche kalt zu bleiben drohte. Die Hoffnung, dass uns noch irgendjemand unsere holländische oder unsere deutsche 5-kg-Flasche wiederbefüllt, hatten wir ohnehin bereits aufgegeben. Für 35 Euro wechselte also eine Repsol-Flasche mit 11 kg Propan den Besitzer, die ich lässig aber stolz auf dem Gepäckträger unseres Lasten-Klapprades an Bord rollen konnte.

Seine original Holland-Gasflasche hat unser Bootsnachbar übrigens gleich bei dem spanischen Gashändler entsorgt. Sein Gasfach an Bord ist groß genug und schluckt die spanische Botella ohne Probleme. Unser Gasfach ist jedoch nur für 5-kg-Flaschen ausgelegt. Das bedeutet, wir müssen das Gas irgendwie von der großen spanischen in unsere kleine leere holländische Flasche kriegen (alle TÜV-Mitarbeiter unter den Lesern unseres Blogs müssen jetzt einfach mal die nächsten Absätze überspringen. Danke!). Das erforderliche Wissen hatten wir uns bereits vorab durch die Lektüre einiger Blogs und Foren angeeignet und die nötigen Utensilien (diverse Adapter und einen Umfüllschlauch) vor unserer Abreise aus Deutschland im Fachhandel besorgt. Der Eröffnung unseres eigenen Gasumfüllbetriebes sollte also nichts im Wege stehen. Denkste!!

Der von uns erworbene spezielle Gasumfüllschlauch passt auf keinen unserer Adapter und auch auf keine unserer deutschen, holländischen oder spanischen Gasflaschen. Doch für solche Fälle gibt es in Spanien Gottseidank die von mir so hoch geschätzten Ferreterias (ihr erinnert euch: sowas wie die Eisenwarenhandlung von Schrauben-Paul aus Dortmund-Huckarde). Der Hafenmeister hatte mir den Tipp gegeben, ich solle es doch mal in der Ferreteria Argentino probieren. Eine Wegbeschreibung gab er mir nicht, weil ohnehin zwecklos. In dem Gewirr der vielen kleinen Straßen und Gassen von Muros muss man sich durchfragen. So geschehen.

Auf einer Parkbank in der Nähe des alten Fischerhafen sprach ich ein paar alte Männer an, die mir ortskundig schienen, und nicht nur das. Ich war offensichtlich auf eine Clique wahrer Handwerksexperten gestoßen. „Ferreteria Argentino? Was willst Du da? Du kommst doch von einem Schiff, oder?“ Ich zeigte ihnen meinem Gasschlauch, und erklärte ihnen, dass ich einen solchen nun gerne in passend haben möchte. „Damit musst Du zu Ricardo, nicht zu Argentino.“ Die Rentnergang machte sich dann auch keine Mühe, mir den Weg zu Argentino zu erklären, sondern mit dem Einsatz zahlreicher Hände wurde mir gleich die Richtung zu Ricardo gewiesen. Und die Seniorexperten sollten Recht behalten: Ricardo verschwand mit meinem Musterschlauch und einem Exemplar unseres erforderlichen Anschlusses in den Tiefen seines Ladens. Nach 20 Minuten und ein paar Rückfragen legte er uns dann einen handgefertigen und 1a passenden Gasumfüllschlauch auf die Theke. Gracias, Ricardo! Fantatastico!!

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Statistik:

Logge seit Heeg: immer noch 1565 sm (das kleine Schaufelrädchen unter dem Rumpf, das die Fahrt durchs Wasser misst, saß heute bis kurz vor der Hafeneinfahrt nach Muros fest)

Weg über Grund: 1722 sm

Camariñas – Muros: 39 sm

Hafengeld Muros: 35 Euro, inkl. Duschen Note 1

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2 Antworten zu “Im Schmetterlings-Stil das Ende der Welt passiert

  1. Hallo Ihr meister in der Kunst der Improvisation und der Recherche. Bei unseren Kurztörns (maximal zehn Tage) haben wir selten vor vergleichbaren Problemen gestanden. Und wenn, reichte meist ein Anruf beim Vercharterer. Wünsche Euch weiter Mast- und Schotbruch und allzeit eine handbreit Wasser unterm Kiel, Wolfgang

  2. Hallo Ihr beiden, Ihr habt einen schönen Blog.
    Zum Foto vom Umfüllen von Flüssiggas ein kleiner Tip. Es geht es schneller, wenn die untere Gasflasche kälter ist als die obere. Wenn die obere 43°C hat und die untere 21°C dann ist die Druckdifferenz bei Propan 6,5 bar (14,1 – 7,6) und bei Butan sind es 2 bar (3,2 – 1,2).
    Schöne Fotos zur Karibik findet Ihr auf unserer Webseite http://www.viaconme.eu .
    Wir wünschen Euch weiterhin alles Gute und viel Spaß
    Ingrid und Roland

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