Zickenalarm

Porto Santo 016

Mit feinstem Nordwind und frisch installierter Ray-Marie starten wir am 1.10. gegen Mittag von Oeiras (Lissabon) Richtung Porto Santo. Alle Tanks sind gefüllt, Brot ist gebacken, Bolognese ist vorgekocht, Haribo Colorado ist ausreichend an Bord und die Sonne scheint. Die Laune an Bord ist prächtig und wir können endlich mal wieder segeln. Und wie!

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Beste Laune bei Jana…

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…. und Jakob

Bei 4 – 5 Beaufort raumem Wind unter Großsegel und „Turbo“ rennt Florentine, dass es nur so eine Art hat. Als der Wind noch ein bisschen zulegt, versuchen wir den Turbo zu bergen, was sich als schwierig erweist. Er ist doch ein bisschen bauchig geworden mit der Zeit, so dass er sich unten und oben schön straff einrollen lässt, aber in der Mitte bleibt ein Bauch bzw. eine Tüte, in die der Wind immer wieder hineingreift und alles wieder ausrollt. Also bleibt uns nichts anderes übrig: Runter mit dem Ding, aufs Vorschiff legen und festbinden. Alles halb so schlimm, das Großsegel mit einem Reff reicht vollkommen aus, wir sind schnell.

Die Nachtwachen werden eingeteilt und die, die später dran sind, gehen schon mal vorschlafen. Worauf wir noch warten, ist die typische langgezogene Atlantikwelle, die einen so sanft in den Schlaf wiegen soll. Wir haben zwar ordentlich Wellen von 2-3 m Höhe, aber von langgezogen und wiegen kann nicht die Rede sein. Vor allem in der Achterkabine kullert man auf dem breiten Bett herum wie eine Erbse. Kathrin schläft daraufhin im Salon, Peter schafft es irgendwie, sich quer zu legen und zu verkeilen.

Tagsüber begegnen wir nur manchmal großen Schiffen. Leider machen sich auch die sehnlichst erwarteten Delfine rar, sind wohl doch Schönwettertiere, die bei viel Seegang lieber abtauchen.

Porto Santo 011

Sogar die „Großen“ verschwinden hinter den Wellen

Nachts dagegen ist der Verkehr etwas reger und manche „Großen“ kommen einem doch ziemlich nahe, aber sie weichen alle anständig und mit ausreichendem Abstand uns kleinem Segler aus. Zum Vergleich: Wir haben eine Länge von 10,75m und der Kontrahent auf dem Bild unten ist 324 m lang. Und ändert für uns seinen Kurs.

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Bei so einem Kurs lässt einen das Adrenalin schlagartig wach werden, egal wie früh oder spät es ist

 

 

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Der Sonnenaufgang entschädigt für den fehlenden Schlaf

Am zweiten und dritten Tag lässt der Wind ein wenig nach, dafür nimmt die Wellenhöhe auf 4-5 m zu. Da es bedeckt ist, wollen wir für eine Stunde den Motor mitlaufen lassen, um die Batterien aufzuladen, die sonst durch die Solarpaneele gespeist werden. Gesteuert werden wir von Ray-Marie, die ja eigentlich die beste Freundin von Nanni sein soll. Aber nix da. Als wir Nanni starten, zickt Ray-Marie plötzlich rum und fährt einen eigensinnigen Kurs Richtung Norden. Das hatte ihr keiner befohlen, und darauf war auch keiner gefasst, was zu einer „Patenthalse“ führte, eine nicht gewollte Wende vor dem Wind, auch „Schwiegermutterhalse“ genannt, weil man sich dabei durch das plötzliche Herumschlagen des Baumes unliebsamer Personen an Bord elegant entledigen kann.

Gott sei Dank war keine Schwiegermutter an Bord, aber der Schreck ist uns doch ganz ordentlich in die Glieder gefahren. Und Ray-Marie blieb die restliche Zeit weiter zickig. So lange sie uns nur unter Segeln steuern sollte, verrichtete sie brav ihren Dienst, aber die Zusammenarbeit mit Nanni verweigerte sie konsequent. Also kam Nanni in den Genuss des Steuerns von Hand, wenn wir sie zum Batterieaufladen brauchten. Da wird der Ray-Marine-Mann aus Porto am Montag nochmal einen Anruf von uns bekommen!

Spannend fanden wir auch Dinge, die im Hafen so einfach sind: Kochen und Spülen. Nicht, dass wir das nicht könnten, aber bei der Wellenhöhe ist es eine logistische und akrobatische Herausforderung, dass das Essen im Topf und das Wasser in der Spüle bleibt. In unseren Mägen ist es jedenfalls dringeblieben!

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Akrobatisches Geschirrspülen

 

Am Sonntagmorgen, nach etwa 90 Stunden, haben wir den Hafen von Porto Santo erreicht, neue und alte Bekannte wieder getroffen und erst mal ausgiebig gefrühstückt, frische selbstgebackene Brötchen von der SY Anne inklusive. Das nächste Highlight folgte nach dem Einklarieren: Lange und ausgiebig DUSCHEN! Ein himmlisches Gefühl nach vier Tagen.

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Porto Santo ist eine kleine vulkanische Insel, die zum Madeira-Archipel gehört, von der Südseite aus gesehen kahl und schroff mit steilen Abhängen, an denen die Fallböen nur so herunterpfeifen. Gleich neben dem Hafen beginnt ein langer Sandstrand, den unsere JaJas gleich mal inspiziert haben.

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An der Hafenmole haben sich unzählige Segler verewigt

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Hier werden wir uns nun erst mal drei Tage ausschlafen und mal auf die andere Inselseite gucken, ob es da etwas grüner wird. Danach geht es weiter nach Madeira, was wohl nur ein kurzer Hüpfer ist im Vergleich mit der Strecke, die wir hinter uns haben.

 

 

Statistik:

Logge seit Heeg: 2318 sm

Weg über Grund: 2546 sm

Lissabon/Oeiras – Porto Santo: 501 sm über Grund, 477 sm durchs Wasser

Hafengeld Porto Santo: 18 € (30% Trans-Ocean-Rabatt), Duschen eigentlich 2, aber für das Gefühl nach 4 Tagen ohne: 1+*

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6 Antworten zu “Zickenalarm

  1. Hallo, Glückwunsch zur erfolgreichen ersten etwas längeren Etappe.
    Und Gruß an die JaJa’s; tolle Bilder.
    Bis bald
    Jochen und Siggi

  2. Glückwunsch auch von uns. Die Karten sind angekommen, Amerika kann also kommen. Liebe Grüße Melanie und Peter

  3. Herzlichen Glückwunsch! Das Ankommen in Porto Santo war sicher ein tolles Gefühl! 🙂 Genießt die Zeit im Madeira Archipel.
    Liebe Grüße aus der Heimat,
    Olaf.

    P.S.: Auf dem Bild von der Hafenmole (mit den JaJas) ist rechts unten im Hintergrund die kreisrunde Signatur von Silke und Dieter von der SY Tamora zu erkennen. Die waren 2011 gemeinsam mit uns dort und sind nun schon seit längerem im Pazifik unterwegs.

  4. Was mir gerade noch einfällt: Wenn die Nanni den Autopiloten stört, liegt es vielleicht daran, dass dessen Fluxgatekompass zu nahe am Motor installiert wurde.

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