Willkommen in der Truman Show

Delphine begleiten Florentine auf ihrem Weg von Porto Santo nach Madeira.

Delphine begleiten Florentine auf ihrem Weg von Porto Santo nach Madeira.

Still und einsam ist es nun auf Florentine. Wir sind wieder ganz allein. Die JaJas haben uns vor wenigen Stunden nach zehn Tagen an Bord in Richtung München verlassen. Und unser Freund Jochen, der uns eigentlich ab heute auf unserem Weg von Madeira nach Lanzarote begleiten wollte, musste kurzfristig absagen. Er pendelt fiebrig zwischen Sofa und Bett, an segeln nicht zu denken. Gute Besserung, Jochen!

Von der kleinen Insel Porto Santo hat unser Besuch leider nicht viel gesehen. Wissend um die beschränkten technischen Fähigkeiten des Skippers hat sich Jakob direkt nach unserer Ankunft in Porto Santo an die Arbeit gemacht, unsere elektronischen Navigationsinstrumente untereinander und dann noch zusätzlich mit dem neuen Frautopiloten zu vernetzen. Unser elektrischer Autopilot kann jetzt wie eine Windfahnensteuerung selbständig seinen Kurs nach dem Einfallswinkel des Windes korrigieren. Alle Daten laufen jetzt außerdem im Kartenplotter zusammen. Auch die Kinderkrankheiten unserer neuen Ray-Marie hat Jakob heilen können. Ungeplante Kursänderungen und Patenthalsen unserer kleinen Frautopilotin sollten jetzt der Vergangenheit angehören, nach dem der Kompass des Autopiloten nun ein neues und störungsfreies Quartier unter dem Kinderbett in unserer Achterkabine bezogen hat.

Dank Jakob ist die komplette Navigation von Florentine jetzt untereinander vernetzt.

Dank Jakob ist die komplette Navigation von Florentine jetzt untereinander vernetzt.

Als nach zwei Basteltagen eigentlich auch der Urlaub für Jakob beginnen sollte und wir zur Erkundung von Porto Santo aufbrechen wollten, mahnte unsere Wetterfee Kathrin dann plötzlich aber sehr bestimmt zum Aufbruch. Der Wind sollte für die nächsten Tage auf Südwest drehen und uns von Madeira – unserem nächsten Ziel – direkt auf die Nase pusten. So eine Wetteränderung spricht sich im Hafen wie ein Lauffeuer herum, und so befanden wir uns bereits kurze Zeit später in einem Pulk von Schiffen, die ebenfalls keine große Lust verspürten, die nächsten Tage in Porto Santo zu verbringen.

Für die kurzfristige Änderung unserer Sightseeing-Pläne wurden wir auf dem 30-Meilen-Trip nach Madeira mit feinstem Kaffeesegeln bei 3 Windstärken ohne Schaukelwelle belohnt. Für das Sahnehäubchen obendrauf sorgte dann noch eine kleine Delphin-Schule von 5-6 Tieren, die uns ein Stück des Weges begleiteten. Traumhaft!

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Die Frage nach einem geeigneten Hafen auf Madeira erübrigte sich. Wir hatten überhaupt keine Wahl. Die Marina von Funchal sei bereits überfüllt, hörten wir von verschiedenen Stellen. Und so versprach uns die nette Frau im Hafenbüro von Porto Santo bei unserer Abreise, sich für uns um einen Liegeplatz in Quinta do Lorde zu kümmern. Falls es mit der Reservierung nicht klappe, sollten wir in einer benachbarten Bucht vor Anker gehen und dort warten, bis ein Platz in der Marina frei werde.

Wir hatten Glück und durften unsere Florentine in Quinta do Lorde festbinden. Quinta do Lorde muss man sich wie eine große Kulisse in einem Hollywood-Studio vorstellen. Alles wunderhübsch aber so lebendig wie der Zentralfriedhof von Washington. Die Marina Quinta do Lorde gehört zu einem eingezäunten und gut bewachten 5-Sterne-Hotel-Resort. Hier ist alles picobello. Alle Häusschen sind farbenfroh und frisch getüncht, die Duschen wie geleckt, die Grünanlagen gepflegt und nirgendwo fliegt ein Pfitzelchen Papier herum. Willkommen in der Truman Show*! (Für die, die den Film nicht kennen, folgt unten eine Zusammenfassung aus Wikipedia)

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Das Personal ist hilfsbereit und jederzeit unauffällig zur Stelle; wenn man es braucht. Es gibt eine eigene Kapelle, einen Pool, eine Tauchschule, ein Restaurant und weitere Annehmlichkeiten. Nur eines sucht man hier vergebens: Gäste – von den Seglern einmal abgesehen. Und diese Segler interessieren sich – wie wir – nur für zwei Sachen: a) Wie kommt man von hier weg, um die Insel zu erkunden? Und b) Wie kommt man zum nächsten großen Supermarkt, um die Vorräte wieder aufzufüllen? Die Lösung lautet übrigens Mietwagen.

Und so haben wir uns auf den Weg gemacht, vorbei am Flughafen, dessen Landebahn auf Stelzen das Meer überbrückt, in die lebhafte Inselhauptstadt Funchal, vorbei an Bananenplantagen, hinauf in die Berge durch Lorbeerwälder und dann wieder über kurvenreiche Straßen die Küste entlang. Eine Tour über die Insel ist die reinste Berg- und Talfahrt, doch zahlreiche Tunnels ermöglichen den schnellen Wechsel von einer Seite der Insel auf die andere – einen Wetterwechsel gleich mit eingeschlossen. Wanderfreunden dürfte das Herz hier höher schlagen. Wer einen Strandurlaub vorzieht, ist hier jedoch an der falschen Adresse. Die nächsten Badestrände sind auf der Nachbarinsel Porto Santo und dann erst wieder auf den Kanaren zu finden.

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Unter der stelzengestützten Landebahn des Flughafens befindet sich ein Winterlager für Yachten.

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Was man auf den Kanaren allerdings nicht finden wird, ist ein typisches, kleines Restaurant wie Murhala’s Bar in Canical. Dort nach Peer fragen und ihn bitten, ein paar Leckereien in halben Portionen aus der Küche aufzufahren. So lernten wir gebratene Muscheln und Napfschnecken, Tintenfisch in diversen Zubereitungsarten, Degenfisch, hausgemachten Burger und eine Art Gulasch kennen. Zusammen mit zwei Flaschen grünem Wein und Nachtisch belief sich die Rechnung für vier Personen am Ende gerade einmal auf 32 Euro. Wir haben selten so gut, so reichhaltig und so günstig getafelt!

Gerne hätten wir noch ein paar Tage mehr in Madeira verbracht und noch einmal Peer in seinem Bar-Restaurant besucht, aber erneut kündigt sich für die nächsten Tage ein Wetterwechsel an. Der Wind dreht in zwei Tagen auf Süd (dort wollen wir hin) und schläft langsam ein. Dafür kündigt sich eine Mörderwelle an, die Auswirkung eines Sturmtiefs über den Azoren. Bei diesen Bedingungen wollen wir nicht die nächsten 270 Meilen gegenan motoren. Morgen nutzen wir darum den restlichen Nordwind und brechen auf in Richtung Lanzarote und werden dort vermutlich nach zwei Tagen und Nächten Nonstop-Fahrt an der vorgelagerten Insel Graciosa vor Anker gehen.

*Die Truman Show: Die zentrale Figur des Films ist der Versicherungsangestellte Truman, der – ohne davon zu wissen – der Hauptdarsteller einer Fernsehserie ist, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben eines Menschen von Geburt an zu dokumentieren und per Liveübertragung im Fernsehen zu präsentieren. Zu diesem Zweck hat der Produzent der Serie Truman als Baby von seiner Firma adoptieren lassen und eigens Seahaven, eine von Wasser umgebene Küstenstadt unter einer riesigen Kuppel bauen lassen. Seahaven ist eine idyllisch-harmlose Kleinstadt im Stile der 1950er Jahre mit simuliertem Wetter, Sternenhimmel, Sonne und Mond. Die Kuppel befindet sich auf den aufgeschütteten Hollywood Hills, oberhalb des Hollywood-Schriftzuges. Hier wächst Truman auf, umgeben von Schauspielern, täglich beobachtet von über 5.000 Kameras. (Quelle: Wikipedia)

Statistik:

Logge seit Heeg: 2379 sm

Weg über Grund: 2577 sm

Porto Santo – Madeira: 30,6 sm

Hafengeld Quinta do Lorde: 28 € (15% Trans-Ocean-Rabatt), Duschen Note 1

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2 Antworten zu “Willkommen in der Truman Show

  1. Och Mann, das mit Jochen tut mir leid. So ein Sch…. . Und auch Schade, dass Ihr Madeira so schnell schon wieder verlassen müsst und keinen Stopp in Funchal machen konntet. Aber: The weather god rules! 🙂 Ich hoffe, Ihr habt wenigstens ein paar Tage Zeit für La Graciosa. Denkt dran, Euch schon mal dort anzumelden (via E-Mail bei der Hafenbehörde in Las Palmas). Die nette Hafenmeisterin in Quinta do Lorde kann Euch bestimmt Infos dazu geben. Dann dürft Ihr auch in den Hafen. Von der Ankerbucht ist es ein ziemlicher Fußmarsch bis in den Ort. Aber was erzähle ich … Ihr lauft ja gerne :-)))))
    Gute Überfahrt und Fair Winds!
    Olaf

  2. Was für traumhafte Fotos! Und um die Delphine beneide ich euch sehr! Ihr beide seht schon sehr erholt und braungebrannt aus- ich wünsche euch auch günstige Winde! Bussis! Anja

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