Kathrins kleines Atlantik-ABC

Atlantik 218

A

Wie Abreise: Mit Tuten von Schiffshörnern, viel Publikum und begleitet von etlichen Dinghis und Motorbooten ist die Abfahrt aufregend und der Kloß im Hals ist schnell heruntergeschluckt.

Wie Abwaschen: Muss aus Wasserspargründen mit Salzwasser im Eimer im Cockpit stattfinden. Ist eine Aufgabe, die alle sechs Hände erfordert. Einer spült, einer trocknet und einer räumt ein. Verlustquote: drei Gläser, nicht schlecht, oder?

Wie Adventskalender: Haben uns liebe Freunde gebastelt. Highlight jeden Morgen zum Frühstück ist das Öffnen eines Päckchens. Näheres siehe Peters Atlantiktagebuch

B

Wie Baden, auch Hygieneschwimmen genannt: war nur einmal in der ersten Woche bei Flaute möglich. Ansonsten findet die Säuberung im Cockpit statt, mit Salzwasser aus dem Eimer und Seewassershampoo. Das Gefühl danach ist herrlich!

Wie Bergfest: auch Halbzeit; Hälfte der Strecke. Wird mit einer Flasche spanischem Cava und Häppchen gefeiert. Von nun an gehts bergab!

Wie Brotbacken: meist aus Backmischungen, schweißtreibendes Kneten unter Deck, aber der Geruch, der dann aus dem Backofen dringt, lässt allen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und das endgültige Abkühlen erlebt der frische Laib nicht mehr in Gänze.

C

Wie Cockpit: Hauptlebensraum, Wohnzimmer, Wachraum, Esszimmer, Lesezimmer, Badestube in einem. Zwei Schattenplätze unter der Sprayhood je nach Sonnenstand, daher meist nur von ein bis zwei Personen bevölkert. Die Sonne sticht mittags doch ganz schön.

D

Wie Delfine: besuchen uns immer mal wieder und spielen in unserer Bugwelle. Besonders nach einer Sturmnacht ein ungeheuer tröstlicher Anblick.

E

Wie Etmal: die in den vergangenen 24 Stunden zurückgelegte Strecke durchs Wasser, die uns dem Ziel näher bringt. Stark abhängig vom Wind. Abgelesen und gerechnet wird jeweils mittags um 12.00 Uhr UTC. Zwischen 74 und 137 Seemeilen ist alles möglich… Zieht spätestens nach dem Bergfest Berechnungen über einen möglichen Ankunftszeitpunkt nach sich.

F

Wie fliegende Fische: springen oft viele Meter und im Zickzack über die Wellen, manchmal auch über unsere Bordwand, wo sie morgens eingesammelt und wieder in ihr natürliches Element zurückbefördert werden. Leider in den meisten Fällen leblos, nur einem konnte Klaus-Peter das Leben retten. Auch kleine Calamari finden den Weg an Deck.

Wie Funkrunde: findet täglich um 12 Uhr UTC statt, auf vorher vereinbarten Frequenzen. In wechselnder Hör- und Sendequalität werden die Koordinaten der teilnehmenden Boote durchgegeben und nach dem Wohlbefinden gefragt. Nach etwa 14 Tagen ergibt sich zusätzlich eine kleine private deutsche Funkrunde mit der Triton und der Vida. Irgendwie doch sehr tröstlich, so ein täglicher kleiner Kontakt mit der Außenwelt.

Wie Frustfutter: wird vor allem in Nachtwachen benötigt. Besteht aus Haribo Colorado, Müsliriegeln, Studentenfutter, Erdnüssen, Keksen, Zuckerkringeln, Gummibärchen, Schokolade… Hilft über Anfälle von Müdigkeit und Frust hinweg.

Wie Flaute: Windarme Zone, zehrt sehr an Material (schlagende Segel), Energievorräten (Diesel) und an den Nerven der Mannschaft (siehe Etmal, Welle). Fast so schlimm wie Sturm….

G

Wie Getränke: Hauptgetränk ist stilles Wasser in großen PET-Flaschen, ab und zu angereichert mit etwas Apfelsaft oder Vitamin-C. Nachmittags gönnen sich der Käptn und Klaus-Peter aller paar Tage eine Dose Bier. Gegen Müdigkeit gibt es Cola. Wir erinnern uns immer wieder gegenseitig ans Trinken, um genug Flüssigkeit zu uns zu nehmen.

H

Wie Halo: leuchtender Ring um den Mond, bedingt durch Eiskristalle in hoher Höhe. Zeigt Verschlechterung des Wetters an. Haben wir in der Nacht vor dem zweiten Sturm gesehen und nachträglich gedeutet.

Wie Halsweh: hat leider zuerst mich und dann vor allem Klaus-Peter für eine Woche lahmgelegt. War aber mit Antibiotika unter Kontrolle zu kriegen

I

Wie I-Pod: hilft mit Musik und Hörbüchern durch die Nacht

J

Wie Jagd auf Fische: haben wir nicht gemacht, da wir keine bekennenden Fischesser sind.

K

Wie Kochen: Muss fast täglich stattfinden, um den männlichen Anteil der Crew bei Laune zu halten. Ist bei Welle eine akrobatische Übung, aber man lernt dazu und Bewegung tut gut. Vor allem aber ist es schweißtreibend, so dass der Smutje nach Vollendung der Mahlzeit regelmäßig keinen Appetit mehr hat (was aber dem Gewicht sehr gut tut!). Meistens gibt es Gerichte, die man in nur einem Topf kochen kann, da der kardanisch aufgehängte Herd nur eine Flamme mit zwei Drahtbügeln hat, die den Topf vor dem Absturz bewahren. Der Seegang erzieht zur Ordnung, Gefäße mit Pulvern (Mehl, Kaffee, Zucker) oder Flüssigkeiten sind sofort nach Gebrauch wieder zu schließen und zu verstauen, ansonsten stehen zusätzliche Reinigungsarbeiten an. Hätte nie geglaubt, dass 100g Zucker so eine Schweinerei verursachen können. Das Zeug verkrümelt sich ÜBERALL hin und klebt….

L

Wie Langeweile: kommt überraschenderweise gar nicht auf. Die Tage sind durchstrukturiert: Kaffeekochen, Frühstück, Funkrunde, Berechnung des Etmals (siehe dort), Kontrollgang an Deck, Fliegende Fische entfernen, Hygiene, Abwasch, mittags Flucht vor der Sonne unter Deck, Lesen, Mittagsschläfchen für die, die es brauchen, Reparaturen, falls nötig, ab 16:30 Kochen, 17:00 – 17:30 Abendessen, Spülen, Vorbereitungen für die Nachtwache, 18:00 Sonnenuntergang und Bettzeit für die Freiwachen, schon ist der Tag rum.

Wie Lesen: Eine der Hauptbeschäftigungen tagsüber, gelobt sei das E-Book

M

Wie Mond: In dunklen Nächten sehnlichst erwartet, hilft, das Wetter zu beobachten (siehe Squalls und Halo)

Wie Motor (Nanni): Muss vor allem nachts immer mal ran, um die Batterien zu laden, wenn Wirbelwilli (siehe dort) nicht will. Braucht leider Diesel, daher sparsam einzusetzen. Vor allem bei Flaute (siehe dort) sehr begehrt.

Wie Müll: wurde bereits in vorhergehenden Ahois besprochen. Organisches und Papier dürfen über Bord, alles andere wird mit Salzwasser gesäubert, kleingepresst und in Tüten im Ankerkasten aufbewahrt.

N

wie Nachtwachen: wir haben uns für das Dreistundenmodell entschieden, was bedeutet, dass jeder etwa sechs Stunden Erholungsphase hat. Beginnend um 18 Uhr Ortszeit, was meist auch mit dem Sonnenuntergang zusammenfällt, endend um 9 Uhr morgens. Die Reihenfolge wird täglich durchgewechselt, so dass jeder mal in den Genuss kommt, nur eine Wache von 0:00 bis 3:00 zu haben und ansonsten schlafen zu können. Damit fahren wir gut, nach wenigen Tagen sind wir eingespielt und keiner leidet unter extremem Schlafmangel. Anfangs ist es mir in mondloser Nacht und so ganz ohne Land oder andere Schiffe in Sicht- oder Hörweite ein bisschen unheimlich, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an allem.

O

Wie Ozean: ohne allzu philosophisch und blumig zu werden: beeindruckend ist die Größe und die Weite schon. Und die vielen Blauschattierungen. Und die Kräfte, die in Wind und Wasser stecken. Erzieht zur Bescheidenheit.

P

Wie Passat: der angeblich verlässliche, stetig aus einer Richtung (Nordost) blasende Wind, der uns spätestens ab den Kapverden über den Atlantik schieben soll. War leider nicht immer so beständig, weder in Richtung, noch in Stärke. Aber wenn er mal bläst, ist der Ritt mit Großsegel und ausgebaumter Genua im Schmetterlingstil wunderbar. Der Atlantik scheint langsam zu atmen, hebt und senkt sich in regelmäßigen Abständen, die Wellen schieben uns zusätzlich an.

Q

Wie Quarantäne: die Flagge Q (gelb) muss beim Einlaufen in einen neuen Hafen gesetzt werden, sie besagt, dass alle an Bord gesund sind und man um Erledigung der Zollformalitäten bittet. (siehe auch Nerd-talk)

R

Wie Ray-Marie, auch Autopilot: steuert uns zuverlässig die ganze Zeit, tritt nur ein Mal in Streik bei einer Orkanböe mit Winddreher um 30-50 Grad.

S

Wie Sturm: hatten wir zweimal, muss auch nicht öfters sein! Beeindruckend und beängstigend, wie aus einer friedlichen See plötzlich kurze steile aufgewühlte Kreuzseen werden, wie der Wind von 15 kn auf 40 kn und mehr zunimmt und vor allem, welche Wassermassen der Himmel ausschütten kann. Die finden dann auch ihren Weg unter Deck, in Schränke und Schapps. So macht einem ein Sturm auch am folgenden Tag noch Freude mit den Aufräumungs- und Reparaturarbeiten über und unter Deck, ganz zu schweigen vom Trocknen der vielen nassen Klamotten.

Wie Squall: ein Mini-Tiefdruckgebiet, Regenschauer, dunkle Wolkenwand. Manchmal mit ordentlich Wind drin. Sieht man tagsüber oft kommen, so dass man rechtzeitig die Segel reffen kann. Nachts auf dem Radarschirm zu sehen, falls von ordentlich Regen begleitet.

Wie Stricken: Meine Lieblingsbeschäftigung nach Lesen und Kochen. Bilanz: ein großes Tuch, drei Schals und ein Paar Socken.

Wie Solarpaneele: Unverzichtbar zur Energiegewinnung tagsüber. Sichern die Funktionsfähigkeit von Autopilot (Ray-Marie), Navigationsinstrumenten und Kühlschrank.

Wie Seekrankheit: war bei uns kein Thema!

T

Wie Tanks: es gibt drei an Bord: einen für Diesel (230l), einen für Süßwasser(300l) und einen für Fäkalien (90l). Letzterer muss regelmäßig geleert werden, mittels einer Fäkalienpumpe – unsere Dauerbaustelle. Die natürlich auch mitten auf dem Atlantik wieder mal streiken musste. Das bedeutet Backskiste leerräumen, Fäkalienpumpe aufschrauben (bäh) und ein neues Ventil einsetzen, dann das Ganze rückwärts. Großes Lob für den Käptn, der das alles wahrscheinlich auch schon mit verbundenen Augen und Händen auf dem Rücken könnte.

U

Wie Unterhaltung: Bücher, Hörbücher, Musik, lange ausführliche Gespräche

V

Wie Vitamine: Frisches Obst und Gemüse hält sich leider nur etwa eine Woche, da das meiste davon bereits in gekühltem Zustand nach Lanzarote eingeführt wurde und daher weiter gekühlt werden muss. Äpfel und Bananen (die wir grün gekauft haben und die natürlich alle auf einmal reif werden), werden in Netzen unter Deck aufbewahrt, Kartoffeln in einem Eimer in der Backskiste, das restliche Gemüse im Kühlschrank, Zwiebeln in einer Dose offen. Gut haltbar waren Karotten und Zucchini sowie grüne Äpfel.

Später haben wir auf Vitamin-C-Brausetabletten zurückgegriffen, zwei oder drei in eine große Flasche Wasser geben eine erfrischende zitronige Note und ein gutes Gefühl, was die Vorbeugung gegen Skorbut angeht.

W

Wie Wasser: in der salzigen Variante im Überfluss vorhanden, dient zum Abspülen, Waschen und Segeln. In der süßen Variante kostbar und rationiert. Im Tank befinden sich bei Abfahrt 300 l plus 30 l in einem Kanister an Deck, aus dem wir literweise mit einer Flasche das Wasser zum Nachspülen nach der Salzwasserdusche entnehmen (hat locker für drei Leute und knapp vier Wochen gereicht). Zusätzlich haben wir etwa 200 l Trinkwasser in PET-Flaschen dabei. Das Wasser aus dem Tank dient zum Kaffee- und Nudelnkochen, Zähneputzen, Händewaschen.

Wie Wind: DAS Thema, um das sich alles dreht. Wie stark oder schwach ist er, woher weht er, dreht er, bleibt er? Unser „Motor“, Energielieferant (siehe Wirbelwilli, Sturm, Flaute, Etmal)

Wie Windgenerator: auch Wirbelwilli genannt. Soll Strom liefern. Tut er auch, aber nicht immer. Bei zu wenig Wind verweigert er den Dienst, bei zu viel auch, in Sturmböen schaltet er sich unter Hinterlassung von Elektrogerüchen ab. Da wir meist mit „Rückenwind“ segeln, wird die Windgeschwindigkeit durch den Fahrtwind verringert, so dass der Wirbelwilli sich oft in den Ruhemodus begibt.

Wie Wale: Leider bisher nicht gesichtet, nur einmal den „Blas“ eines Wals erahnt.

Wie Welle: bestimmt ganz erheblich das Bordleben. Je nach Höhe und Frequenz schaukelt es mehr oder weniger. Die verschiedenen Arten: 1. die Welle läuft von achtern unter dem Schiff durch (meist angenehm),2. die Welle läuft von der Seite unter dem Schiff durch – Rollen – (geht noch), 3.die Welle kommt von vorne – Stampfen – (unangenehm und laut), 4. Alle drei Arten zusammen – Kreuzsee – (ausgesprochen unangenehm, Waschmaschinengefühl, Tätigkeiten mit Koordination eingeschränkt). Höhe zwischen ein und fünf Metern, ist aber nicht so entscheidend wie die Frequenz. Je kürzer die Wellen aufeinander folgen und je steiler sie sind, desto unangenehmer sind sie auch. 4m Welle alle 25 Sekunden ist ein wunderbar langsames Gleiten.

X und Y

Dazu ist mir nix eingefallen

Z

Wie Zeit: bekommt auf See eine andere Dimension. Der Tag bekommt einen anderen Rhythmus, schon allein, weil er nur noch zwölf Stunden dauert. Sämtliche Tätigkeiten und Bewegungen dauern länger, weil man sie dem Seegang anpassen muss. Schlaf bekommt eine ganz andere Bedeutung, wird kostbar und muss eingeteilt werden. Die Nächte sind lang und intensiv. Irgendwie scheint die Zeit schneller und gleichzeitig langsamer zu vergehen.

Atlantik 266

Abwasch mit Meerwasser im Cockpit

Abwasch mit Meerwasser im Cockpit

Atlantik 273

Bergfest – die Hälfte der Strecke haben wir geschafft

Atlantik 165

Viel Verkehr in der Nacht vor der afrikanischen Küste

Atlantik 197

Peter beim Auspacken seiner Geburtstagsgeschenke

Atlantik 253 Atlantik 244 Atlantik 233 Atlantik 221 Atlantik 223 Atlantik 229 Atlantik 231Atlantik 208 Atlantik 206 Atlantik 194 Atlantik 187 Atlantik 179 Atlantik 176 Atlantik 169 Atlantik 157 Atlantik 156

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