Gesetzesbrecher wider Willen

Wie im Traum: Liegeplatz hinter dem Riff vor einer einsamen Insel

Wie im Traum: Liegeplatz hinter dem Riff vor einer einsamen Insel

Wenn dieses Ahoi online geht, haben wir es entweder endlich geschafft, uns auf den Bahamas offiziell einzuklarieren oder wir sind arrestiert (das wird sich in ein paar Stunden herausstellen, wenn Zoll und Einwanderungsbehörde wieder ihre Büros öffnen). Seit vier Tagen und Nächten halten wir uns nämlich illegal hier auf.

In unserer Bordbibliothek befinden sich vier Länderlexika bzw. Atlantik-Handbücher (jeweils die aktuellen Ausgaben). Übereinstimmend heißt es dort, dass bei der Einreise nach den Bahamas zuerst ein offizieller „Port of Entry“ anzulaufen ist. Nach einer vorherigen Kontaktaufnahme mit den Behörden über Funk darf dann nur der Skipper an Land, um die Einklarierung vorzunehmen. Die restliche Crew darf das Schiff nicht verlassen. Es ist auch strikt untersagt, vor einer der 700 Inseln und Inselchen der Bahamas den Anker zu werfen, solange man noch nicht einklariert ist. Im Übrigen seien die Behörden 24 Stunden am Tag erreichbar, Offensichtlich aber nicht für uns. Dabei hatte die 700 Seemeilen lange Reise von den Britischen Jungferninseln bis hierher, in die Bucht von George Town vor der Great Exuma Island so gut angefangen…

Es ist gerade mal ein Jahr her, da war für uns eine Nachtfahrt oder ein langer Schlag über 100 Seemeilen noch ein kleines Abenteuer und mit Herzklopfen verbunden. Als wir uns vor acht Tagen von den Jungferninseln aus auf den Weg machten, haben wir uns nach einem entspannten Vormittag nur in die Augen geschaut: „Wollen wir dann mal?“ „Meinetwegen können wir los!“ Der Wetterbericht sagte für die nächsten Tage östliche Winde mit 3-4 Beaufort voraus, und so hatten wir uns in 420 Meilen Entfernung die Turks und Caicos für einen kleinen Ankerstopp ausgesucht. Von dort aus wollten wir nach ein paar Stunden Schlaf ohne Wachwechsel die nächsten 200 oder 300 Meilen in Angriff nehmen.

Für eine Nacht hatten wir einen gefiederten Mitreisenden an Bord, dem offensichtlich die Puste ausgegangen war.

Für eine Nacht hatten wir einen gefiederten Mitreisenden an Bord, dem offensichtlich die Puste ausgegangen war.

Die Reise bis zu den Turks und Caicos gestaltete sich dann aber so entspannt, dass wir kurzfristig umdisponierten und Florentine einfach weiter laufen ließen. Aus Bequemlichkeit und zum Schutz vor böigen Überraschungen hatten wir auf unserem Kurs vor dem Wind nur das Groß mit dem ersten Reff gesetzt. Bei achterlichem Wind zwischen 12 und 22 Knoten pflügte Florentine mit 4 bis 7 Knoten durch die atlantische Dünung. Was will man mehr? Na gut, vielleicht etwas weniger Wellengang. Das Kochen hat keinen Spaß gemacht und an ein paar Tagen blieb die Küche halt kalt.

Da wir erstmals eine so lange Strecke nur zu zweit bewältigen mussten, teilten wir uns die Nacht in zwei 6-Stunden-Wachen auf, damit die Freiwache ausreichen Schlaf am Stück finden kann. Die angeleinte Wache im Cockpit war mit einem Küchenwecker ausgerüstet, der alle 30 Minuten bimmelte (falls man doch einmal einnicken sollte). Tagsüber fühlten wir uns ausgeruht und Zeit für ein Mittagsschläfchen fand sich auch allemal. Für uns hat sich dieses Wachsystem bewährt.

Die Bahamas erstrecken sich insgesamt über eine Länge von 400 Seemeilen, Die nächstgelegene Bahamas-Insel nach den Turks und Caicos ist Mayaguana. Nach unseren Handbüchern befindet sich dort aber kein offizieller „Port f Entry“. So entschieden wir uns, die Einklarierung auf Long Island vorzunehmen. Schlappe 200 Meilen von den Turks und Caicos entfernt. Als jedoch absehbar war, dass wir unseren Zielhafen Stella Maris nicht bei Tageslicht erreichen würden, entschieden wir uns aus Sicherheitsgründen für den ersten geplanten Gesetzesbruch und warfen vor Great Harbour auf der „falschen Seite“ von Long Island illegal das Eisen ins türkisfarbene Wasser. Baden. Essen. Schlafen. Herrlich!

Unser erster illegaler Ankerplatz vor Great Harbour (Long Island)

Unser erster illegaler Ankerplatz vor Great Harbour (Long Island)

Die Gewässer in den Bahamas sind entweder richtig tief (mehrere tausend Meter) oder verdammt flach (selten mehr als 5 Meter), vor unserem geplanten Einklarierungshafen Stella Maris sogar nur zwei Meter. Laut unserer Navionics-Karte sollte jedoch ein betonntes Fahrwasser in den Hafen führen. In Schleichfahrt machten wir uns am frühen Nachmittag des nächsten Tages an die Ansteuerung. Um auf Nummer sicher zu gehen, was die Tiefe des Fahrwassers betrifft, und um unsere Ankunft gesetzeskonform anzukündigen, riefen wir Stella Maris wiederholt über Funk an – leider ohne eine Antwort zu erhalten. Als unser Echolot dann nur noch einen fingerbreit Wasser unter dem Kiel anzeigte, wurde uns die Angelegenheit zu mulmig und wir entschieden uns zur Umkehr. Raus aus dem Flachwasser und neuer Kurs auf George Town auf Great Exuma, dem nächstgelegenen Einklarierungshafen.

Mit Erleichterung registrierten wir beim Blick auf den Kartenplotter nach unserer Umkehr den Wiedereintritt in die hellblaue 2bis5-Meter-Zone. Der Puls begann sich schon wieder zu normalisieren. Doch anstatt zu steigen geht der Tiefenanzeiger auf einmal wieder in den Keller.2,1 Meter, 2 Meter, 1,9 Meter, 1,8 Meter und dann sitzen wir auch schon fest. Das nächste Land meilenweit entfernt und weit und breit kein anderes Schiff in der Nähe. Was tun? Mit Vollgas über den Sandhaufen hinweg oder weiter den Berg hinauf? Zurück ins Flachwasser? Kurs nach Steuerbord oder nach Backbord? Ein Blick über die Seite und voraus über den Bug bringt uns auch nicht weiter. Das Wasser ist glasklar und wir können jedes Detail auf dem Grund erkennen, nicht aber, ob das Wasser an der einen oder anderen Seite tiefer oder flacher ist. Ratlosigkeit an Bord. Denkpause.

Vor der Ansteuerung der Flachwasserzone von Stella Maris hatten wir bereits einen Blick in den Tidenkalender von Miami geworfen. Das ist nicht so weit entfernt. Wir befinden uns in einem Gezeitenrevier mit einem knappen Meter Tidenhub und haben auflaufendes Wasser. Irgendwann kommt auch wieder Bewegung ins Schiff. Florentine schwimmt. Ganz langsam nehmen wir Fahrt auf. Die Augen kleben an der Anzeige des Echolots. 1,8 Meter, 1,9 Meter, 2 Meter, 2,1 Meter 2,4 Meter. Wir schreien unsere Freude raus: „Wir sind wieder frei! Frei!!“

Für die Weiterfahrt nach Great Exuma ist es inzwischen zu spät geworden. Die Zufahrt zum Ankerplatz von George Town ist durch ein kniffliges Riff geschützt, da wollen wir auf keinen Fall bei Dunkelheit durch. Wir suchen die Seekarte nach einem geeigneten Ankerplatz in der Nähe ab. Irgendein Flecken mit fünf Meter Wassertiefe soll es sein, damit wir die Nacht sorgenfrei überstehen können. In zehn Seemeilen Entfernung, im Glenton Sound, werden wir fündig. Es ist sogar schön hier, aber wir dürfen nicht länger bleiben. Wir sind immer noch nicht offiziell auf den Bahamas einklariert.

Unser zweiter illegaler Ankerplatz im Glenton Sound (Long Island). Es gibt wohl kaum einen schöneren Platz für Gesetzesbrecher wie uns.

Unser zweiter illegaler Ankerplatz im Glenton Sound (Long Island). Es gibt wohl kaum einen schöneren Platz für Gesetzesbrecher wie uns.

Am nächsten Morgen machen wir uns mit dem ersten Tageslicht auf den Weg nach George Town, nur ein kurzer Schlag von 23 Meilen. Aber es ist Samstag und wir wollen gerne noch heute die Einklarierungsprozedur hinter uns bringen. Die Ansteuerung durch das Riff sorgt noch einmal für Herzklopfen. Ist eigentlich gar nicht so schlimm gewesen, aber beim ersten Mal weiß man ja nie…

Nach unserer Ankunft am belebten Ankerplatz in Elizabeth Harbour, der Ankerbucht von George Town, machen wir sofort unser Dinghi klar. Papiere in den wasserdichten Rucksack, ordentliche Klamotten angezogen (wie man das hier in der Karibik von den Bittstellern erwartet) und los geht’s. Auf eine Voranmeldung per Funk haben wir verzichtet, weil das offensichtlich hier niemand tut, wie wir den ganzen Vormittag schon aufmerksam am Funkgerät verfolgt haben. „Wo finden wir hier Customs and Immigration? fragen wir die ersten Segler, die uns über den Weg laufen. „Customs and Immigration öffnen erst wieder am Montag. Genießt das Wochenende. Die sehen das nicht so eng hier!“

Bahamas 015

Blick in unsere „Badewanne“.

Bahamas 017

Jeden Tag der gleiche An- und Ausblick – aber nie langweilig

Bahamas 022

Pizzatag auf Florentine: Nach einer Woche Schaukelei auf See endlich wieder ordentliche Nahrungsaufnahme mit Messer und Gabel.

Wir hoffen Dave und Jane von der GRETAMAY haben recht, wenn wir in ein paar Stunden zur Einklarierung übersetzen. Die Bootspapiere haben wir ja noch im Rucksack – und zusätzlich unser Notebook mit einem neuen Ahoi. Vorausgesetzt, wir finden irgendwo ein stabiles Wifi. Aber das ist ein anderes Thema, mit dem man Seiten füllen könnte…

Bahamas 020

Statistik:

Jost van Dyke – Long Island , Great Harbour (Bahamas): 656 sm

Great Harbour, Long Island – Glenton Sound, Long Island: 63 sm

Glenton Sound, Long Island – George Town, Great Exuma: 25 sm

Jeweils vor Anker, also kein Hafengeld

Logge gesamt seit Heeg: 7920 sm

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4 Antworten zu “Gesetzesbrecher wider Willen

  1. Hallo,ihr zwei,

    Klasse, dass es somit geklappt hat. Für weitere navigieren: habt ihr ein iPad? Wir nutzen die Garmin Bluechart Mobile App und sind begeistert von der Datenkorrektheit.

    Weitere Besuchstipps: Staniel Cay (Thunderballgrotte bei Slack, Schweine bei Big Major, nursesharks im Hafen), Wardericks Wells Nationalpark (Ankern im Kanal direkt vor dem Nationalpark Office), halihgalli in Nassau Atlantis Resort) sowie Abacos (Hopetown, Guana Cay, Treasure Cay (wunderschön)!

    Schöne Grüße von der ANNE
    Die 5Ws

  2. Lieber Florentiner, ja ja, ich habe schon als Kind Florentiner geliebt!!!
    Ich gratuliere Euch zu Euren Seebeinen. Da werden mal schnell 600 sm weggesteckt – kein Thema. Dann habt Ihr Seebeine. Gut so. Die braucht Ihr auch für den Rest des Lebens. Denn wer auf See klar kommt für den ist das Leben an Land ein Klacks.
    Euer Klaus Hympendahl

  3. Hallo Ihr Beiden,
    beim letzten Mal bin ich hier mit einer Jolle gesegelt, und selbst da musste ich gelegentlich das Ruderblatt anlüpfen.
    Ich hoffe, dass Eure Behördenkontakte ebenso glimpflich abgelaufen sind wie dEuer kleiner Aufsetzer.

    M&S

    Ralf

  4. Liebe Florentiner,
    beim Betrachten eurer Fotos stellt sich bei uns immer wieder der gleiche Effekt ein, unser Puls sinkt auf Ruhemodus. Wir saugen es förmlich ein.
    Was das Ein-und Ausklarieren betrifft, scheint ihr keine Ausnahme zu sein. Wir haben ja schon etliche Bücher von Weltenbummlern auf See gelesen, gerade erst von Bernd und Daniel Mansholt:“ Wir hauen ab“, und alle, außer natürlich die Nonstopsegler, berichten über ähnliche Erlebnisse. Es gehört wohl dazu, sich hin und wieder am Rande der „Illegalität“ zu bewegen. Naja, ihr werdet schon nicht hinter Gitter landen 😉
    Wenn wir uns die Landkarte so anschauen, kommt ihr langsam aber sicher New York immer näher.
    In freudiger Erwartung auf neue Fotos und Geschichten verbleiben wir heute mit lieben Grüßen nicht aus Berlin sondern vom Stettiner Haff, wo wir das lange Maiwochenende auf unserem Boot verbringen und morgen die Nase rausstecken und die Segel setzen wollen. Von euren Temperaturen träumen wir noch.
    Wolfgang und Katrin

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