Segeln könnte so schön sein – ohne Wetter und ohne Bürokraten

Ausflug mit dem Dinghi zu unserer Freunden Sabine und Thomas von der BROESEL

Ausflug mit dem Dinghi zu unserer Freunden Sabine und Thomas von der BROESEL

Das mit den Wetterfenstern ist so eine Sache. Das Tief, dem wir am 7. Mai hinterher schippern wollten, entwickelte sich zum ersten benamten Sturm dieses Jahres. Tropensturm „Ana“, den wir nicht unbedingt live erleben wollen, setzt sich erst mal vor Cape Hatteras fest. Wir verschieben die Abreise und studieren Wetterkarten, halten Rücksprache mit unseren Wetterfröschen in Deutschland.

Sollen wir bis Norfolk in die Chesapeake Bay durchfahren oder doch lieber etwas südlicher anlanden und die restliche Strecke auf dem Intracoastal Waterway (ICW) zurücklegen? Wir warten ab und schauen. „Ana“ scheint sich jetzt doch über Land abzuschwächen und dann nach Osten zu verabschieden, dafür soll aber eine Kaltfront vom Atlantik her ab Mitte der Woche für nördliche Winde sorgen. Das können wir auch nicht brauchen. Also doch hinter dem Tief her und zwar schnell genug, damit wir den Wind nicht zum Schluss auf die Nase kriegen.

Zwischendurch besuchen wir mit Thomas und Sabine von der BROESEL noch eine nette Ankerbucht. Ein letztes Mal baden im warmen klaren Wasser. Und dann ist es soweit, am Samstag, 9. Mai, machen wir uns nach Sonnenaufgang auf den Weg nach Norden. Unsere Freunde Klaus-Peter und Andreas haben extra für uns in Deutschland eine kostenpflichtige Wetterberatung von Meno Schrader von der Firma „Wetterwelt“ eingeholt, die uns per SMS auf dem Satellitenhandy erreicht. Mit Wegpunkten und Ausweichmöglichkeiten. Danke dafür! Meno Schrader schickt uns erst mit Kurs 045 Grad bis zum Punkt 29 Grad Nord und 75 Grad West 170 Meilen auf den Atlantik raus. Danach geht es für weitere 450 Meilen direkt auf Nordkurs bis zum Cap Hatteras.

Die ersten zwölf Stunden verbringen wir motorend – Flaute. Dann gibt es endlich Segelwind, der uns wunderbar von hinten anschiebt. Zusätzlich läuft noch der Golfstrom mit, sodass wir schnell vorankommen, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 7 Knoten. Aber das bleibt leider nicht so, bereits am Montag (wiederum 12 Stunden später) müssen wir die Nanni wieder bemühen, weil der Wind alleine nicht ausreicht und auch der Schiebestrom wegfällt. Und so geht es weiter bis Mittwoch, teils segelnd, teils motorend, aber immer mit achterlichem Wind zwischen 8 und 18 Knoten. Da die Segel beim Geigen vor dem Wind immer wieder knallend einfallen und das Rigg erzittern lassen, müssen wir vor dem Wind kreuzen.

Die Stimmung ist gut, der Wachrhythmus klappt auch, einer übernimmt die erste Hälfte der Nacht, der andere die zweite und täglich wird gewechselt. Tagsüber ist immer mal Zeit für ein Schläfchen zwischendurch.

Mittwoch vor dem berühmten Cap Hatteras ändert sich alles. In der Nacht geraten wir in einen Gewittersturm mit Böen zwischen 40 und 50 Knoten. Wir rasen trotz 2. Reffs mit 9 und mehr Knoten durch die Nacht. Doch schnell wird uns die Sache unheimlich und um 2 Uhr packen wir auch das letzte Stück Tuch ein. Als der Gewittersturm sich endlich nach ein paar Stunden beruhigt hat, dreht der Wind auf Nord. Die Kaltfront hat uns leider doch erwischt. Und wie! 30 Knoten Wind auf die Nase direkt von vorne. Und dazu eine steile, kurze, aber hohe Kreuzsee, die uns kräftig durchschüttelt.

Florentine bolzt unter Motor durch die Wellen, die über das Vorschiff schlagen. Wir nehmen viel Wasser über, das leider auch mal wieder seinen Weg in die Vorschiffskabine findet, alles nass im Schrank. Nachmittags ein kurzes Atemholen, der Wind lässt nach, die Welle auch. Aber nachts kommt die nächste Front. Die Wassertemperatur sinkt nach dem Runden des Kaps und dem Verschwinden des warmen Golfstroms von 23 Grad auf 13 Grad. Wir holen für die Nachtwache die Skiunterwäsche aus dem Schrank.

Gegen Wind, Welle und Strömung kommen wir nur langsam voran, wir kämpfen uns mit teilweise nur 2 Knoten Fahrt nach Norden. Erst am Donnerstag Nachmittag lässt der Wind nach und wir erreichen die Einfahrt zur Chesapeake Bay bei Sonnenschein und Flaute. Bis Norfolk sind es noch 20 Seemeilen, die wir endlich wieder in normaler Marschfahrt hinter uns bringen.

Wir fahren vorbei an einer riesigen Marinebasis mit Flugzeugträgern, Zerstörern und Versorgungsschiffen, über uns kreisen Hubschrauber und AWACS-Aufklärer. Norfolk soll die größte Marinebasis der Welt sein.

Abends um 19:30 liegen wir endlich, endlich fest in der Waterside Marina im Zentrum von Norfolk. Von Bord können wir noch nicht, denn wir müssen uns vor dem Einklarieren erst telefonisch bei der Customs-and–Border-Protection (kurz: CBP; Zoll und Grenzschutz) anmelden und eine Registrierungsnummer geben lassen. Mit dieser Nummer und allen Papieren müssen wir danach anschließend persönlich bei der lokalen Zollbehörde vorstellig werden, die danach in der Regel eine Untersuchung des Schiffs veranlasst. Erst danach dürfen wir uns in den USA frei bewegen.

Bereits 24 Stunden vor unserer Ankunft haben wir uns per Satelitentelefon bemüht, die wichtige Registrierungsnummer zu erhalten. Aber uns wurde gesagt, wir sollten erst einmal in Norfolk ankommen und uns dann noch einmal telefonisch melden. Als wir direkt nach unserer Ankunft in Norfolk die gleiche Nummer wie am Vortag anrufen, heißt es dann plötzlich, dies sei eine Nummer für Florida. Und wenn wir schon einmal in Norfolk/Virginia seien, sollten wir dann bitteschön auch gleich die Virgina-Nummer anrufen. Die erforderliche Telefonnummer wird uns auch gerne verraten. Doch unter der Virginia-Nummer lief nur noch ein Band, dass wir außerhalb der Bürozeiten anrufen. Wir sollten es doch später noch einmal probieren. Die angebliche Florida-Nummer steht übrigens in allen(!) Handbüchern als landesweit gültige und kostenlose Rufnummer, die rund um die Uhr besetzt ist…

So sitzen wir nach dem Aufräumen des Schiffs beim ersten warmen Essen seit fünf Tagen: Spaghetti mit Fleischklösschen aus der Dose. Unsere gesamten frischen Erzeugnisse, inklusive Zwiebeln und Knoblauch, haben wir vor Erreichen der USA brav über Bord geworfen bzw. aufgegessen, weil man kein Frischzeug in die USA einführen darf. Aber es schmeckt uns wunderbar und der erste Burger oder das erste Steak müssen eben auf morgen verschoben werden. Aber dafür haben wir WLAN-Empfang an Bord. Und jetzt wollen wir beide nur noch eins: SCHLAFEN!

Statistik:

Marsh Harbour, Bahamas – Norfolk, Virginia, USA: 708 sm

80 Motorstunden

Logge gesamt seit Heeg: 8922 sm

Bahamas 106

Letzter Badeausflug auf den Bahamas kurz vor unserem Start Richtung Norden an der US-Ostküste. Spätestens ab Juni müssen wir wegen der bevorstehenden Hurrican-Saison aus Versicherungsgründen nördlich des 35. Breitengrades sein.

Bahamas 058

Sabine und Thomas mit ihrer BROESEL

Bahamas 070

Blasen zum Sonnenuntergang auf der Conch-Muschel. Thomas zeigte uns, wie es geht…

Bahamas 073

… und dann waren wir an der Reihe.

Bahamas 062

Tschüss Karibik!

Bahamas 071

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2 Antworten zu “Segeln könnte so schön sein – ohne Wetter und ohne Bürokraten

  1. Super, dass ihr auch diese Passage unbeschadet geschafft habt. Schade, dass sich das Wetter doch nicht wirklich durchplanen ließ. Die Beschreibung des Gewittersturms hört sich verdammt ungemütlich an und weckt Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. Wir freuen uns sehr darauf, euch bald wieder zu sehen.

    Melanie und Klaus-Peter

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