Auf den Spuren der Walfänger

Der Leuchtturm an der Einfahrt des Fahrwassers nach Mystic Harbor wurde bereits 1906 außer Dienst gestellt und ist heute ein gediegenes Eigenheim.

Der Leuchtturm an der Einfahrt des Fahrwassers nach Mystic Harbor wurde bereits 1906 außer Dienst gestellt und ist heute ein gediegenes Eigenheim.

„Wenn ihr im Long Island Sound sei, müsst ihr unbedingt einen Abstecher nach Mystic machen“, gaben uns Scott und Roger, der Präsident der Seven Seas Cruising Association und der Rear Commodore des Capital Yacht Clubs, mit auf den Weg, als wir vor einigen Wochen in Washington D.C. die Leinen lösten. Bislang sind wir mit den Tipps von Segelfreunden, die wir unterwegs getroffen haben, nicht schlecht gefahren, und so steuern wir Mystic an. Ein alter Walfänger-Ort an der Küste von Massachusetts in Neu England, „mit einem der wohl besten maritimen Museen der Welt“, wie es typisch amerikanisch unbescheiden in unserem Revierführer heißt.

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Zwei Brücken blockieren die direkte Zufahrt nach Mystic Harbor, eine drehbare Eisenbahnbrücke…

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… und ein Klappbrücke.

Doch diesmal scheint die Beschreibung zutreffend. Beim „Mystic Seaport“ handelt es sich um einen Museumshafen mit angeschlossenem Freilichtmuseum. Man kann Riggern, Segelmachern, Holzbootsbauern und Reepschlägern in historischen Gebäuden bei der Arbeit zuschauen und teilweise sogar komplett geriggte Klassiker unter Segeln besichtigen. Schmuckstück des Museums ist der alte Walfänger „Charles W. Morgan“, das letzte heute noch existierende Segelschiff seiner Art. Die „Morgan“ hat in ihrer aktiven Zeit zwischen 1841 und dem Beginn des Petroleum-Zeitalters am Anfang des 20. Jahrhunderts 37 Reisen unternommen und dabei 54.283 Barrel Wal-Tran und rund 75.000 Tonnen Walknochen eingebracht. Eine typische Fangreise führte von Mystic aus rund Kap Hoorn in den Pazifischen und den Indischen Ozean und dauerte zwischen 9 Monaten und fünf Jahren. Die Besatzung bestand aus 33 Männern unterschiedlicher Rassen und Nationalitäten.

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Walfänger „Charles W. Morgan“

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Flusskreuzfahrt durch den Museumshafen „Mystic Seaport“, vorbei am Leuchtturm…

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… und den zum Teil schwimmenden Exponaten.

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Man achte auf die Kanone

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In historischen Gebäuden kann man Riggern, Segelmachern, Holzbootsbauern und Reepschlägern bei der Arbeit zuschauen.

Nach ihrer aktiven Zeit kreuzte die „Morgan“ noch ein paar Mal als schwimmende Kulisse in diversen Hollywood-Filmen. Kurzum: „Mystic Seaport“ hat sich zu einer großen Touristenattraktion mit Luxushotels, zahlreichen Restaurants, einem großen See-Aquarium und einer umfangreichen nautischen Infrastruktur entwickelt. Dementsprechend sind die Preise: Die Liegegebühren für eine Nacht um Museumshafen belaufen sich auf 4,50 $ pro Fuß und pro Nacht. Das macht für unsere Florentine 162 $. Wir entscheiden uns alternativ für die günstigere Lösung in einer der angrenzenden Marinas, doch auch hier schlägt die Übernachtung immer noch mit 108 $ zu Buche (ein Schnäppchen, wie wir ein paar Tage später bei unserer Ankunft auf der Halbinsel Long Island feststellen dürfen).

Der erlebnisreiche Aufenthalt in Mystic wurde uns noch einmal verschönert, weil wir seit langer Zeit wieder einmal Besuch auf der Florentine begrüßen durften. Jürgen aus München und seine beiden Töchter Francesca und Federica bereisen zur Zeit die Ostküste zwischen Boston und New York und haben die Florentine-Crew für einen Tag verstärkt. Gemeinsam mit ihnen haben wir eine Flusskreuzfahrt durch den weitläufigen Museumshafen und einen Schlag raus auf den Long Island Sound unternommen. Dank Jürgens Unterstützung konnten wir mit seinem Mietwagen in einem etwas entlegenen Supermarkt bequem und ohne Schlepperei einige dringend benötige Massengüter zu zivilen Preisen bunkern. Ein weiser Entschluss…

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Besuch aus München: Jürgen und seine beiden Töchter Francesca und Federica an Bord der Florentine

Inzwischen sind wir in den „Hamptons“ (Southhampton, Easthampton, Bridgehampton…) bei den „rich and beautiful“ an der Ostspitze von Long Island eingetroffen. Die Preise hier sprengen jedes Budget von Langfahrtseglern ohne Lottogewinn im Rücken. Für den Einkauf einer überschaubaren Menge Frischzeugs (eine Einkaufstüte) haben wir gerade 72 $ hingeblättert. Die Hafengebühren betragen bis zu 5,50 $ pro Fuß, und selbst für eine einfache Mooringboje draußen vor dem Hafen werden bis zu 65 $ kassiert. Da müssen wir passen und danken einmal mehr unseren Freunden, die uns zum Abschied in Deutschland einen 20-kg-Kobra-Anker geschenkt haben. Dieser Kobra ist eine wahre Schlafpille, beschert uns mit seiner Haltekraft ruhige Nächte vor Anker und hat uns bis heute nicht einmal im Stich gelassen.

In diesem Haus sind die Briefkästen zu Haus und nicht am Haus.

In diesem Haus sind die Briefkästen zu Haus und nicht am Haus.

Die Hamptons sind wirklich wunderschön. Ein tief in das Land reichernder Meeresarm mit zahlreichen Buchten und Inseln, die Ufer gesäumt von teilweise imposanten Anwesen mit privaten Anlegern. Die teuren Häfen mit ihren ausgedehnten Mooring-Feldern und die privaten Anleger stellen für uns leider ein großes Problem dar. Teilweise müssen wir bis zu einer halben Stunde mit unserem kleinen Dinghi und dem etwas schwachbrüstigen Torqeedo-Elektro-Quirl motoren, um an einem öffentlichen Anleger an Land zu kommen. So genießen wir den Blick in die Landschaft überwiegend vom Ankerplatz aus.

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Idyllische Ankerplätze in den Hamptons auf Long Island …

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… , aber verdammt weit vom Ufer, da es nur wenige öffentliche Dinghi-Stege gibt. Die Häfen sind für uns unbezahlbar.

Einer unserer wenigen Landausflüge führte uns zu einem Weingut, von denen es hier auf Long Island zu unserer Überraschung ein gutes Dutzend gibt (Long Island ist das drittgrößte Weinanbaugebiet der USA – was wir vorher nicht gewusst haben. Aber Reisen bildet bekanntlich…). Wir haben wirklich ausgezeichnete Rosé-Weine verkostet und hätten in dem lauschigen Garten des Weinguts auch gerne versacken können. Der Gedanke an den Rückweg machte uns jedoch schlagartig wieder nüchtern (halbe Stunde Fußmarsch – halbe Stunde Dinghi-Tuckern).

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Long Island ist das drittgröße Weinanbaugebiet in den USA.

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Guter Wein, schöner schattiger Platz – und der Schipper strahlt.

Jetzt liegen wir wieder vor Anker an einem Ort, der von seiner langen Walfänger-Tradition zehrt: Sag Harbor. Hier gibt es eine alte Walfänger-Kirche, ein Walfang-Museum und repräsentative Häuser, die an die Zeit des Wohlstands während der Walfang-Ära erinnern. Sag Harbour ist auch heute noch ein wohlhabender Ort, mit luxuriösen Motoryachten im Hafen, Maserati in der Parkbucht, und entzückenden roten Lederhandtäschchen in der Auslage eines der zahlreichen Geschäfte – heruntergesetzt auf 2200 $. Ein Schnäppchen! Aber eben Chanel……

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Gebäude in Sag Harbour: Vom Walfang (oder besser von den dessen Vermarktung) konnte man offensichtlich gut leben.

Hier muss die Zeit stehen geblieben sein. Das Kino in Sag Harbor.

Hier muss die Zeit stehen geblieben sein. Das Kino in Sag Harbor.

Statistik:

Fisher Island – Mystic: 13 sm, Hafengeld 108 €/Nacht, Duschen Note 2-

Mystic – Long Beach auf Long Island, Anker 0 €

Long Beach – Pipe’s Cove, 6 sm, Anker 0 €

Pipe’s Cove – Throg Neck, 8 sm, Anker 0 €

Throg Neck – Smith Cove, 1,8 sm, Anker 0 €

Smith Cove – Sag Barbor, 3 sm, Anker 0 €

Logge gesamt seit Heeg: 9733 sm

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3 Antworten zu “Auf den Spuren der Walfänger

  1. Ihr Lieben,
    was für eine wunderschöne Gegend. Traumhaft!! Bestimmt kommen auch wieder bessere „Hafengeldzeiten“ für Euch.
    Bleibt gesund und viel Spaß weiterhin im Land der „unbegrenzten“ Möglichkeiten.
    Petra

  2. Liebe Familie Schröder,
    ich verfolge ihre Reise vom Beginn an (aufmerksam gemacht durch WDR2) und finde es klasse, was sie alles sehen und erleben.Eben wurden meine „Rechenkünste“ allerdings arg strapaziert als ich las, Liegegebühren Museumshafen 4,50 Dollar pro Fuß. Hmmm dachte ich, sind doch nur 2 Personen, wie kommen die denn dann auf 162 Dollar? Ich bin eben ne Landratte, muss gerade immer noch lachen und denke, es geht wohl um die Länge des Schiffes!
    Gute Fahrt weiterhin!
    Sabina

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