10 000 Seemeilen im Kielwasser – Der Wind diktiert den Fahrplan

Ein alter Zwölfer an der Einfahrt nach Newport

Ein alter Zwölfer an der Einfahrt nach Newport

Tagsüber werden wir immer noch von der Sonne verwöhnt, aber abends ist es jetzt schon richtig ungemütlich. Sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, kommen lange Hosen und Pullover zum Einsatz. Die Abende verbringen wir jetzt lesend im Salon und nicht mehr im Cockpit. Wir wollen wieder in den Süden. Da ist jedoch nicht so einfach: Wir wollen genau dahin, wo in der Regel auch der Wind her bläst. Weil wir aber nicht gegen den Wind anbolzen wollen, müssen wir jeden Wind aus nördlichen Richtungen nutzen. Tage ohne nördliche Winde sind hingegen Ruhetage. Unsere Reiseplanung wird also vom Wind diktiert.

So war es auch nach unserer Abreise aus Boston. In den Boston Islands, vor der Peddocks Insel, haben wir zwei Tage vor Anker gelegen, und dann war er da, „unser Wind“. Nachts hatte er gedreht und Florentine mit ihm. Wir werden in der Morgendämmerung von veränderten Schiffsbewegungen wach, kein sanftes Wiegen mehr, sondern eher ein hartes Rucken. Mit dem Hellwerden sehen wir die Bescherung: durch die 180-Grad-Drehung muss der Anker ausgebrochen sein. Irgendwann hat er dann zwar wieder gehalten, aber der steife auflandige Wind und der Ebbstrom haben uns auf Schlick gesetzt. Mit der geplanten Abreise um 6 Uhr morgens wird es nichts, wir müssen auf die Flut warten. Ein blödes Gefühl, jedes Rucken schmerzt uns. Nach etwa zwei Stunden schwimmen wir wieder frei und geben Fersengeld und lassen Florentine laufen. Schön sportlich, immer hoch am Wind. Wir waren dabei so flott unterwegs, dass wir gleich nahtlos in den Cape Cod Canal eingebogen sind. Dort drehte der Wind und wir fanden idyllischen Unterschlupf in einer geschützten Lagune vor Basset Island.

Cape Cod Canal 1

Eisenbahn-Hebebrücke über den Cape-Cod-Canal

Basset Island 2

Unser rundum geschützter Ankerplatz in einer Lagune vor Bassett Island

Dort hätten wir es auch noch ein paar Tage aushalten können, aber ein Hauch von Wind aus der richtigen Richtung ließ uns nach Slocums Ledge aufbrechen. Von da an nahm sich der Wind eine Auszeit und nur mit Nannis Hilfe konnten wir unser nächstes Etappenziel Newport ansteuern.

Anwesen an der Einfahrt nach Newport Harbor

Anwesen an der Einfahrt nach Newport Harbor

Blick von unserem Ankerplatz auf die Waterfront von Newport

Blick von unserem Ankerplatz auf die Waterfront von Newport

Newport ist neben Anapolis und San Diego/San Francisco eines der drei Segler-Mekkas in den Vereinigten Staaten und dürfte auch vielen Seglern in Europa ein Begriff sein. Mehr als ein halbes Jahrhundert, von 1930 bis 1983, war Newport Austragungsort des Americas Cup, weil die US-Amerikaner ein Dauerabo auf die Silberkanne ohne Boden hatten. Nicht zuletzt Dank des alten amerikanischen Geldadels (Vanderbilt und Co.), der sich mit schlossartigen Anwesen an den Ufern Newports niedergelassen hat. Folglich trägt eine der Hauptstraßen in Newport auch den Namen „Americas Cup Avenue“.

Straße in der zweiten Reihe von Newport

Straße in der zweiten Reihe von Newport

Eine ganze Flotte von historischen Zwölfern und Schonern kreuzt heute noch durch die Bucht und erinnert an die alte Seglertradition. Doch auch ansonsten ist diese Stadt richtig schiffig und überhaupt nicht protzig (wenn man mal von den zahlreichen Juwelieren absieht). In den Geschäften und auf den Straßen dreht sich fast alles um das Thema Segeln. Das Angebot an Liegeplätzen ist schlicht der Wahnsinn, vom kostenlosen Ankerplatz über sichere Mooring-Tonnen bis hin zu Luxus-Marinas ist alles vorhanden.

Eine kleine Flotte von Zwölfern läuft vor unserem Ankerplatz in Newport Harbor ein

Eine kleine Flotte von Zwölfern läuft vor unserem Ankerplatz in Newport Harbor ein

Newport 020

Abendlicher Blick aus Florentines Cockpit

Wen es nicht in die Luxus-Marina für 7,50 Doller pro Fuß zieht (mit Florentine müssten wir rund 250 Dollar pro Nacht bezahlen), muss in Newport als Segler nicht auf die kleinen Annehmlichkeiten verzichten. Es gibt zahlreiche öffentliche und obendrein kostenlose Dinghi-Docks. In einem städtischen Marine Center gibt es darüber hinaus für kleines Geld Duschen, Waschmaschinen, WiFi und Informationsmaterial. Sogar unseren Wassertank konnten wir am Anleger des Marine Centers kostenlos auffüllen. Einfach super!

Das Newport Marine Center ist in einem alten Gebäude der US-Navy untergerbracht.

Das Newport Marine Center ist in einem alten Gebäude der US-Navy untergerbracht.

Wir trafen gerade rechtzeitig zur Boat Show in Newport ein. Für diese schwimmende Bootausstellung werden eigens Verkaufsstege im Hafen verlegt, so dass man die ausgestellten Schiffe gleich in ihrem Element besichtigen kann. Die Ausrüster und Charterfirmen präsentieren ihre Angebote an kleinen Ständen in großen Zelten mit engen Gängen. Irgendwie wirkt hier alles etwas kuscheliger und improvisierter als auf der Düsseldorfer Boot. Dafür fällt das Angebot aber auch etwas dürftiger aus. Wir wurden an keinem der Stände fündig (das ist uns auf der Boot noch nie passiert).

Newport 030

Die Newport Boat Show …

Newport 028

… ist eine schwimmende Bootsaustellung.

Nach drei Tagen mussten wir unseren Schlickhaken leider schon wieder an Bord hieven und haben uns heute unter Motor nach Block Island zum Ausgang des Long Island Sound verholt. Ab morgen soll es für knapp eine Woche kräftig aus nördlichen Richtungen blasen. Die Gelegenheit wollen wir nutzen. Wollten wir ursprünglich noch einmal einen Abstecher nach New York machen, haben wir jetzt unsere Planung komplett über den Haufen geworfen. Wir nutzen den passenden Wind und lassen uns von Block Island in einem Rutsch über 220 Seemeilen bis nach Cape May am Eingang der Delaware Bay blasen. Danach geht es auf uns bereits vertrauten Wegen durch den Chesepeake-and-Delaware-Canal wieder in die malerische und geschützte Chesapeake Bay.

Newport 031

Die christliche Seemannsmission in Newport – passenderweise mit dem Aloha Cafe im selben Gebäude untergebracht. Wir fragen uns: Welche Einrichtung übt die größere Anziehungskraft aus?

Newport 033

Nicht nur alte Schiffe konnten wir in Newport bewundern.

Newport 025

High-Tech-Country USA

Newport 021

Sonnenbad am Strand: Bequem ist anders. Oder sind wir einfach nur verweichlicht?

Statistik:

Boston – Peddocks Island (Boston Islands), 7,6 sm, Anker, 0 €

Peddocks Islands– Cape Cod Canal – Basset Island, 57 sm, Anker, 0 €

Basset Island – Slocums Sledge, 19 sm, Anker, 0 €

Slocums Sledge – Newport, 22 sm, Anker, 0 €, Duschen 1,75 $, Note 2-3

Newport –Block Island, 19 sm, Anker, 0 €

Logge gesamt seit Heeg: 10033 sm

 

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3 Antworten zu “10 000 Seemeilen im Kielwasser – Der Wind diktiert den Fahrplan

  1. Herzlichen Glückwunsch zu den 1. 10000 Seemeilen. Da wird der Atlantik ja zu einer kleinen Episode. Kalt wird es hier auch, aber der Ausweg nach Süden ist leider keine Option.

    Liebe Grüße Melanie und Klaus-Peter

  2. Glückwunsch zu den zehntausend Meilen auch aus dem jetzt windigen und nachts auch kalten Löwengolf!!!
    Weitermachen! Freuen uns schon auf alles, was es über die nächsten zehntausend zu lesen gibt!
    Liebe Grüße von der AQUARIA
    Dorothea und Uwe

  3. Wir gratulieren herzlich zum historischen Schallmauerdurchbruch. Mindestens ein weiterer wird folgen – wir sind sicher.
    Übrigens: Bei uns gibt es auch spannende Neuigkeiten. Die werde ich euch allerdings und trotz NSA durchtelefonieren.
    Liebe Grüße
    Malte, Silke und Toni

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