Abwarten und Wetter gucken – Was macht Joaquin?

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Zur Untätigkeit verdammt ist auch dieser Reiher, der uns ganz nahe kam

Eine gute Woche waren wir zur Untätigkeit verdammt. Und trotzdem können wir nicht behaupten, dass es uns langweilig geworden wäre. Schuld ist Joaquin, der erste Hurricane, der uns in die Quere kommen sollte – aber am Ende dann doch nicht so richtig.

Acht Tage lang klebten unsere Augen an sämtlichen verfügbaren Wetterberichten. In den Bundesstaaten North- und South-Carolina, Delaware, Maryland und New Jersey wurde vorsichtshalber bereits der Notstand ausgerufen, an der Atlantikküste meldeten einige Orte bereits Land unter, und auch uns wurde beim Blick in den Windfinder ganz anders: 69 Knoten waren für unser Gebiet in der Spitze angesagt. Das ist Windstärke 12. Da wird einem schon ganz anders.

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Bei dieser Vorhersage bekamen wir Gänsehaut

Die Entscheidung, die Entwicklung von Hurricane Joaquim in Rock Hall abzuwarten war goldrichtig, nicht so gut war jedoch unsere Entscheidung, Florentine an der kostenlosen öffentlichen Pier anzubinden. In unserer zweiten Nacht drehte der Wind auf Süd und drückte uns quer auf die Pfähle. Die Fender, vorsorglich quer gehängt, verrutschten und bescherten uns eine unruhige und geräuschvolle Nacht. Als dann auch noch die 69-Knoten-Prognose aufpoppte, stand unser Entschluss fest: Wir verkriechen uns für eine Woche in eine ordentliche Marina, bis der ganze Spuk vorüber ist. Das lassen wir uns dann auch gerne etwas kosten.

Zwischendurch immer wieder der Blick auf den Wetterbericht. Auf den Bahamas herrscht Chaos. Ein Frachter mit 30 Menschen an Bord ist in Seenot geraten und gilt bis heute als verschollen. Doch die Zugbahn von Joaquim gibt auch den Meteorologen Rätsel auf. Wird er auf das nordamerikanische Festland treffen oder über dem Atlantik abdrehen? Wir bereiten uns unterdessen auf das Schlimmste vor. An unserem Längsseits-Liegeplatz bringen wir alle vorhandenen Fender aus, verdoppeln alle Festmacher und bringen zusätzliche Springs (besondere Halteleinen) aus. Florentines Bug zeigt jetzt genau nach Nord. Hier sollten wir sicher sein.

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In Rock Hall ist Nachsaison, die Bürgersteige werden hochgeklappt

Dann wieder der übliche besorgte Blick aufs Wetter. Von 69 Knoten ist jetzt keine Rede mehr. „Nur noch“ 30 bis 40 Knoten werden angesagt, aber dafür soll der Wind jetzt aus Nordost blasen. Mist! Dann würde der Wind uns wieder schräg von vorne auf den Steg drücken. Wir klappern unsere Marina nach alternativen Liegeplätzen ab, werden fündig und bitten den Hafenmeister, Florentine an einen anderen Platz verlegen zu dürfen. „No problem!“ Wir dürfen uns verlegen. Aber leichter gesagt als getan. Es ist gerade Niedrigwasser und wir stecken im Schlamm fest. Wir müssen eine bis zwei Stunden abwarten.

Bis Florentine wieder frei schwimmt hat auch der Wind etwas zugelegt und bläst nun bei unserem Rückwärts-Anlegemanöver in die Box schräg von vorne. Trotzdem erwischen wir die Einfahrt in die Box perfekt. Doch nachdem wir drei von elf Florentine-Metern eingeparkt haben, geht plötzlich wieder nix mehr. Wir stecken wieder fest. Peter hüpft auf den Fingersteg und sichert mit einer Leine Bug und Heck gegen den seitlich einfallenden Wind. Die Schlammpackung um Florentines Kiel tut ihr übriges. Wir liegen stabil in der Box – aber nur mit max. einem Drittel der Schiffslänge. Mit dem langsam ansteigenden Wasserspiegel verholen wir Florentine in der folgenden Stunde Stück um Stück an ihren sicheren Liegeplatz, gut behütetet zwischen zwei großen Motoryachten, die uns perfekten Windschutz bieten. Zusätzlich sichern wir Florentine in einem Spinnennetz von Leinen und Festmachern. Hier haben wir ein gutes und sicheres Gefühl. Joaquin kann kommen.

In der Nacht setzt ein anhaltender Regenschauer ein, der angekündigte Begleiter von Joaquin. Nach 24 Stunden Dauerregen fühlt sich unter Deck alles feucht und klamm an, auch unsere Kleidung in den Schränken. Wir werfen die Dieselheizung an und lüften die Schränke. Und immer wieder der Blick auf die Wetterberichte. Für die Küste und auch für die Chesapeake Bay werden außergewöhnliche Hochwasserstände vorausgesagt, die aktuelle Windstärke und auch die Windvorhersage pendelt sich für unsere Bereich um die 30 Knoten ein. Das ist ein „steifer Wind“, Stärke 7 auf der Beaufort-Skala. Doch selbst von diesem „steifen Wind“ merken wir nichts an unserem Liegeplatz. Wir liegen sicher im Windschatten der großen Motoryachten.

In einer kurzen Regenpause vertreten wir uns draußen kurz die Beine. Der Hafen wirkt wie ausgestorben. Rock Hall ist in den Sommermonaten ein beliebter und quirliger Touristenort. Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren. Nach dem Spaziergang genießen wir die heiße Dusche in der Marina und igeln uns wieder unter Deck ein. Die Dieselheizung sorgt für lauschige Wärme. Wir lesen und abends werfen wir eine DVD in den Laptop. Das ist unser „Fernsehabend“.

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Lauschig und sicher, unsere Marina

Joaquin hat sich entschieden. Er bleibt draußen auf See. Zwischendurch lässt sich bei uns in Rock Hall auch ab und zu die Sonne sehen. Ausgiebig nutzen wir Dusche und Waschmaschinen in der Marina. Im Ort haben wir einen gut sortierten Supermarkt ausgemacht. Mitsamt unserem Großeinkauf werden wir vom Juniorchef kostenlos zurück an Bord geshuttelt. Nach insgesamt neun Tagen lösen wir die Leinen und machen uns weiter auf den Weg nach Süden.

Der Wind ist jetzt komplett eingeschlafen. Wir müssen motoren. War da was mit Joaquin? Und ob! Als wir nach zwei kurzen und gemütlichen Tagesetappen in den hübschen Hafen von St. Michael einlaufen und an der Tankstelle festmachen, kommen wir mit der Frau von der Tankstelle ins Gespräch. Wo wir denn die vergangenen Tage verbracht hätten, und ob es uns auch so schlimm erwischt hätte. Hier in St. Michael sei alles Land unter gewesen, die Stege seien überspült worden und in den Straßen habe das Wasser gestanden.

Jetzt liegen wir vor dem Maritime Museum von St. Michael vor Anker, werden gleich das Dinghi klar machen und uns den Ort ansehen. Aber vorher aus alter Gewohnheit noch einmal einen schnellen Blick aufs Wetter…

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St. Michaels

Statistik:

Rock Hall –Johnson Island, 20 sm, Hafengeld 0 € (Anker)

Johnson Island – St. Michael, 7 sm, Hafengeld 0 € (Anker)

Gesamtstrecke seit Heeg: 10432 sm

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Eine Antwort zu “Abwarten und Wetter gucken – Was macht Joaquin?

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