Hochzeiten, Snowbirds und Sundowner

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In St. Michael liegen wir im Museumshafen vor Anker, mit dem Dinghi sind es nur 200 m zum Land und wir steigen mitten im Freiluftmuseum aus. Dort gibt es auch Duschen und ein deutscher Segler, den wir zuletzt in Antigua getroffen haben und nun zufällig auf dem Weg nach St. Michael wiedersahen, hat uns den Code für die Duschhäuschen verraten. Wir klettern mit Handtuch und Shampoo an Land und duschen mit Herzklopfen. Ein bisschen fühlen wir uns wie Schwarzfahrer. St. Michael ist ein kleines historisches Städtchen mit netten Geschäften, schön restauriert, aber nicht zu geleckt. Wir fühlen uns so wohl, dass wir vier Nächte bleiben und auf den richtigen Wind warten, um wieder Strecke nach Süden machen zu können.

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Historische Segler gibt es hier und im Beiboot hintendran ist der Motor untergebracht

Hier geht auch das social Life wieder los. Die Segelsaison für die lokalen Bewohner scheint weitestgehend beendet zu sein und wir treffen auf viele Langfahrer, die genau wie wir in die Wärme wollen und auf dem Weg nach Florida und zu den Bahamas sind. Die sind kommunikationsfreudig. Sie werden „Snowbirds“ genannt, Zugvögel auf der Flucht vor dem Schnee und der Kälte nach Süden. Fast jeden Tag hält ein Dinghi bei uns an, ein kleiner Ratsch – woher, wohin – und wenn man sich sympathisch ist, hat man schwupps eine Einladung zum Sundowner um 17 Uhr. Was wir dabei lernen, ist die Sundowner-Etikette: Bring Dein eigenes Bier mit, bleib bis maximal 20 Uhr und ganz wichtig: ISS VORHER ZU ABEND! Sonst kann die Dinghifahrt zurück zum eigenen Schiff zum Abenteuer werden. So treffen wir Jim und Tammy aus Florida und haben schon mal eine Einladung nach Vero Beach und viele gute Tipps bezüglich günstiger Marinas und Ankerplätze.

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Es wird Herbst in der Chesapeake Bay – und kalt

In St. Michael wird am Wochenende geheiratet, was das Zeug hält. Eine riesige Hochzeit im Luxushotel, die Trauung findet direkt am Wasser statt, und gleich zwei Hochzeiten im Maritime Museum. Eine davon direkt vor unserer Nase, wir haben Logenplätze und holen den Fernstecher raus. Wir werden (heimliche) Trau-Zeugen einer jüdischen Hochzeit mit Baldachin, unter dem Braut und Bräutigam dreimal umeinander herumschreiten und anschließend ein Glas zertrümmern. Am Ende schreiten die beiden zu einem Haus, verschwinden hinter einer Tür, vor der sich einer der Trauzeugen wie ein Bodyguard postiert, und kommen erst nach einer halben Stunde wieder zum Vorschein. Dieses Mal ohne Schleier und mit zerzaustem Haar.

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Hochzeit auf jüdisch: die Tüllwolke rechts im Bild ist die Braut

Nächster Halt: Solomons Island. Hier haben wir im Juli schon mal geankert und kennen uns aus. Der Wetterbericht hat leider geschwindelt, was den günstigen Wind angeht und wir motorsegeln fast die ganzen 41 Seemeilen. Mittendrin ein „Klonk“, dann steht plötzlich unsere Logge (Geschwindigkeitsmesser) und wir haben das Gefühl, langsamer voranzukommen. Zu sehen ist nichts, der Motor läuft brav weiter, also kann es ja wohl keine Leine in der Schraube sein. Wir stoppen auf und fahren ein Stück rückwärts und dann kommt ein großes Brett zum Vorschein, das sich wohl quer vor unseren Kiel gelegt hatte. Es schwimmt eine Menge Treibholz herum, nach Joaquin und wir müssen nicht nur auf die Hummerkörbe aufpassen, sondern auch auf das Zeug, das knapp über oder unter der Wasserlinie schwimmt.

In Solomons Island sind wir am Ankerplatz umzingelt von Kanadiern und der Sundowner-Marathon geht weiter. Es werden Visitenkarten ausgetauscht und man verspricht sich nach zwei oder drei feuchtfröhlichen Abenden, unbedingt in Kontakt zu bleiben. Und alle fragen uns ungläubig: Seid Ihr wirklich von Deutschland hierher gesegelt?

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Wir freuen uns riesig, die Brösels wiederzutreffen

Am 18.10. verspricht der Wetterbericht feinen Nordwind, wir wollen nach Süden nach Deltaville. Dort arbeiten unsere Freunde von der BRÖSEL an ihrem Schiff und warten schon auf uns. Dieses Mal hält die Vorhersage, was sie versprochen hat, nein es wird sogar deutlich mehr Wind und ein schneller, aber eiskalter Ritt vor dem Wind. Die Temperaturen gehen mit dem kalten Nordwind ordentlich in den Keller und wir zittern uns vorwärts. Nachts gibt es zum ersten Mal Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wir ankern vor dem Deltaville Boatyard, gehen am nächsten Morgen längsseits an die Tankstelle und Pump-Out-Station und leeren unseren Fäkalientank. Freundlicherweise dürfen wir für etliche Stunden kostenlos dort liegen bleiben und nutzen die Zeit, um mit Thomas und Sabine und dem ebenfalls kostenlosen Marina-Auto eine Shoppingtour durch Deltaville zu machen. Supermarkt, Baumarkt und Westmarine, ein Schiffzubehörladen – wir kaufen ordentlich ein, denn hier sind die Preise moderat. So haben wir nun zwei Gallonen Antifouling auf Vorrat, eine Zweifarbenlaterne für das Dinghi (ist ein MUST in den USA im Dunkeln) und eine Wasserpumpe, die wir beim Ankeraufholen am Bug ins Wasser hängen und so den Schlamm von Ankerkette und Anker abspülen können.

Am 20.10. geht es mit BRÖSEL weiter nach Süden, dieses Mal leider mit Wind von vorne und es wird ein rumpeliger Tag mit ordentlich sportlichem Am-Wind-Segeln. Es baut sich eine kurze steile Welle auf, wir fühlen uns ans Ijsselmeer erinnert. Für die fünfzig Seemeilen bis Norfolk am Ende der Chesapeake-Bay brauchen wir 11 Stunden. Besonders die letzten 8 Seemeilen nach Norfolk hinein ziehen sich schier endlos, die Tide kippt und wir haben die Strömung gegen uns. Mit uns laufen mehrere Riesenfrachter ein, die uns ganz nah überholen und dann können wir beobachten, wie sie von zwei Schleppern rückwärts eingeparkt werden mit Ziehen und Schubsen.

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Hinten ziehen, vorne schubsen, so geht Einparken hier

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Norfolk, Virginia

Unterwegs steigt unser Autopilot „Ray-Marie“ aus, die letzten zwanzig Meilen müssen wir von Hand steuern. Wir legen uns in einen kleinen Fährhafen ins Päckchen zu BRÖSEL, hier sind 8 kostenlose Liegeplätze.

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Früh am nächsten Morgen tauchen wir bei Meile 0 in den Intracoastal Waterway (ICW) ein, ein Kanalsystem, das uns zwar nahe der Küste, aber doch im Land bis nach Florida bringen soll. Ab jetzt werden die Segel kaum noch zum Einsatz kommen. Spannend ist, ob wir unter den Brücken durch passen und ob die Wassertiefe für unsere 1.80m Tiefgang ausreicht. Auf den ersten 9 Meilen geht jedenfalls mal alles gut, wir legen uns nach der Schleuse und vor der „Great Bridge“ an eine kostenlose Pier und Peter versucht den Autopilot zu reparieren. Bisher leider ohne Erfolg, Ray-Marie zeigt hartnäckig Richtung Norden, aber da wollen wir nicht mehr hin. Aber im Kanal müssen wir sowieso von Hand steuern, er ist schmal und am Rand schauen jede Menge Baumstümpfe aus dem Wasser.

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Kanaltuckern

Die Fahrt geht im Konvoi, denn vor den Klapp- und Schwingbrücken, die nur halbstündlich oder stündlich öffnen, gibt es immer einen kleinen Stau und anschließend fahren alle brav in Reihe. Heutiges Ziel ist Coinjock, unsere erste Stadt in North Carolina, damit haben wir dann die Südstaaten erreicht.

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Stau vor den Brücken

Statistik:

St. Michael – Solomons Island 41 sm, Hafengeld 0 € (Anker), Duschen und Anlanden mit Dinghi jeweils 3 $

Solomons Island – Deltaville 61 sm, Hafengeld 0 € (Anker)

Deltaville – Norfolk 50 sm, Hafengeld 0 € (free docking)

Norfolk – Great Bridge 9 sm, Hafengeld 0€ (free docking)

Gesamtstrecke seit Heeg: 10593 sm

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