120 Knoten Wind – Orkan am Ankerplatz

Exuma 010

Eine geruhsame Woche mussten wir noch auf den richtigen Wind warten in Port Lucaya, und mit dem neuen Jahr ließ der kräftige Südwind endlich nach und wir konnten starten. Ganz gemütlich am Neujahrsmorgen, nochmal tanken und los. Durch die Nacht auf der Autobahn für Kreuzfahrtschiffe, die von oder nach Nassau fuhren, gaaaanz langsam und beleuchtet wie die Christbäume. Wir waren motorsegelnd kaum langsamer und konnten zum Frühstück eine Hafenrundfahrt durch Nassau genießen.

Dann ging es auf die Bahama Bank, jetzt mit Wassertiefen nur noch um die 5 Meter und um 15 Uhr fiel der Anker auf Allans Cay, einem der nördlichsten Inselchen der Exumas. Und mit lautem Juhu ins türkise Wasser, den Sitz des Ankers abschnorcheln, ein Ankommerbier, Abendessen und ab ins Bett. Den nächsten Tag ließen wir in der türkisen Badewanne die Seele baumeln, trafen kanadische Segler wieder, die uns stilecht mit Pancakes und Ahornsirup zum Frühstück bewirteten und fanden alles einfach nur schön.

Der Wetterbericht am nächsten Morgen sagte uns, entweder ihr fahrt jetzt los und macht Strecke nach Süden, oder ihr seid festgenagelt für die nächsten Tage. Also Anker auf und einen 50-Meilen-Rutsch über die Bahama Bank nach Staniel Cay, wo die Schweine schwimmen. Zunächst gab es einen prima Halbwindkurs und Florentine rannte, was das Zeug hielt. Zumindest für ihre Verhältnisse mit dem doch schon ordentlichen Bewuchs am Unterwasserschiff, wie wir beim Schnorcheln festgestellt hatten. 15 Meilen vor dem Ziel kam dann von hinten eine dunkelgraue Wand mit ordentlich Wind und Regen. Die letzten drei Stunden waren kein Spaß mehr, aber wir konnten noch bei Tageslicht in die große Bucht bei Staniel Cay einlaufen.

Für den nächsten Tag waren Schauer und viel Wind aus Nordost angesagt, also Ankertag. Die schwimmenden Schweine haben wir uns verkniffen und fürs nächste Mal aufgehoben. Nachmittags gab es auf der BRÖSEL selbstgemachten Conch-Salat, aus eigenhändig hochgetauchten Conch-Muscheln. Und dann ging es los mit dem Regen und dem Nordostwind. Es wurde eine unruhige Nacht, Böen bis 38 Knoten (Windstärke 8), Kathrins Bett im Vorschiff war nass – vom Regen natürlich!

Morgens unschuldiger Sonnenschein, als ob nie irgendwas gewesen wäre. Wir leckten unsere Wunden und verholten uns eine Bucht weiter, um Schutz vor dem angesagten Westwind zu finden, der laut Wetterbericht in der Nacht mit 25 Knoten über uns hinweg pusten sollte. Baden, nasse Klamotten trocknen, nachmittags ein gemeinsamer Sundowner und schon wurde es wieder schwarz am Himmel. Wir verabschiedeten Thomas und Sabine hastig und dann brach so gegen 17 Uhr die Hölle los. Eine Mega-Gewitterzelle zog über uns hinweg. Ein Boot neben uns ging auf Drift mit schleifendem Anker und wir hatten Sorge, dass es unseren Anker auch noch mit ausreißen würde. Der Wind legte zu und irgendwann kamen uns die 38 kn von letzter Nacht richtig ruhig vor.

Unsere Windanzeige zeigte in Spitzenböen 120 Knoten (200 Stundenkilometer) Wind an! Kein Messfehler, wie uns der amerikanische Wetterguru Chris Parker am nächsten Tag in seiner Rundmail bestätigen sollte. Die Ankerkralle und auch die Bremse am Ankerspill hielten dem nicht stand und die Ankerkette rauschte ruckweise um weitere 20 Meter aus. Aber, Gott sei Dank! Unser Kobra-Anker hielt. Peter brachte auf dem tanzenden Vorschiff eine Ersatzkralle und ein zusätzliches Sicherungstau an der zum zerreißen gespannten Ankerkette an. Alle Schiffe hatten die Navigationslichter an. Das amerikanische Boot auf Drift hatte inzwischen seinen Anker geborgen und fuhr Kreise um uns im Dunkeln und bei Orkanstärke.

Am Funk hörte man zahlreiche Mayday-Rufe, zwei Schiffe waren in einer Nachbarbucht auf Grund gelaufen und meldeten Wassereinbruch. Die Küstenwache hatte alle Hände voll zu tun, Gott sei Dank scheint niemandem etwas Ernstes passiert zu sein. Wir saßen im Cockpit und hatten weiche Knie. Die Augen immer auf die Windanzeige fixiert. Der Spuk dauerte etwa 3 Stunden, dann ließ der Wind schlagartig nach und Kathrin brach in Tränen aus, nachdem alles überstanden war. Wir hatten beide richtig Schiss! Gut geschlafen haben wir in dieser Nacht nicht, zu sehr steckte uns der Schrecken noch in den Knochen. Schadensbilanz: ausgerissene Verschlussknöpfe an der Baumpersenning (2), aufgeschürfte Knie (1), aufgeschürfte Fingerknöchel (4) und zittrige Knie (4).

Und jetzt, zwölf Stunden später, segeln wir bei Sonnenschein und raumem Wind auf der Atlantikseite nach Georgetown, wo am Sonntag Sohn Moritz und Freundin Ana die Florentine-Crew verstärken werden. Wir freuen uns riesig darauf!

Dieses Mal ohne Bilder, da von unterwegs gesendet.

Statistik:

Port Lucaya/ Grand Bahama – Allans Cay Exumas 155 sm, Hafengeld keines (Anker)

Allans Cay – Staniel Cay 48 sm, Hafengeld keines (Anker)

Gesamtstrecke seit Heeg: 11826 sm

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6 Antworten zu “120 Knoten Wind – Orkan am Ankerplatz

  1. O mein Gott…jetzt schlottern mir auch die Knie 😦
    Ich wünsche euch dasselbe wie Frank!
    Habt ihr mein Weihnachtsemail bekommen?
    Ganz viele liebe Grüße und viel Freude mit Moritz und Ana…Steffi

  2. Gerade zum x-ten Male Armageddon geschaut und nun noch euer Bericht – wie soll ich da schlafen? Mir haben schon die vergleichsweise mickrigen 100km/h Wind im Sommer gereicht – gut, dass ihr dieses Abenteuer auch überstanden habt. Ich trinke jetzt auf euer Wohl – Besanschot an!

  3. Gratuliere! Glück hat nur der/die Tüchtige (deutsche Volksweiheit).
    ab jetzt nur noch „downwind“!
    Cheers
    Klaus Hympendahl

  4. Wahnsinn – und da fühlte ich mich schon bei der Hälfte eurer Sturmstärke schon ziemlich durchgeschaukelt. Der Ankerkauf hat sich ja wohl gelohnt. Passt weiter gut auf euch auf!!!!

  5. oje oje da ist man doch über eine gutes Ankergeschirr froh! Kopf hoch, rein statistisch habt ihr damit alles mitgenommen, mehr wird es wohl nicht mehr werden 😉

    Liebe Grüße die ANNEs

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