Sozialismo realo (oder wie immer das auf Spanisch heißt)

Der Malecon - Havanas Uferstraße

Der Malecon – Havanas Uferstraße

Wer jemals einen zweiten Blick geworfen hat in sein kommunistisches Manifest – nachdem ihn Rudi Dutschke beindruckt hatte oder ein Politiklehrer mit 68er-Tradition – wer als Student aus Ost-Berlin oder Prag preiswert drei Bände „Das Kapital“ oder zwei Regalmeter Marx-Engels gesammelte Werke angeschleppt hat, der hat womöglich mit leichter Enttäuschung das Schicksal diverser Formen des „real existierenden Sozialismus“ verfolgt. Die Suche nach dem wahren Kuba ist auch von diesem Blick beeinflusst. Wir haben in der Fortsetzung des letzten Blogeintrags viele Kubas gefunden. Für die Entscheidung darüber, welches das wahre ist, reichen ein paar Wochen nicht aus. Auch nicht für ein Fazit zu der Frage, ob das Fortbestehen des real existierenden Sozialismus in Kuba von mehr getragen wird als davon, dass Kuba eine Insel ist.

Ein paar Eindrücke:

Bürokratie

Dieses Kapitel gehört eigentlich Peter, der in seiner temperamentvollen Vielsprachigkeit allen Charme aufbietet, um solche Hürden zu überwinden. Klares Fazit: Ohne Alkohol sind diese Erfahrungen nicht zu verarbeiten.

Cocktails

Hemingway (wie kann ein Amerikaner auf Kuba solche Spuren hinterlassen?) hat neben alten Männern und Zigarren in Havanna auch zwei Lieblings-Cocktails berühmt gemacht samt der jeweiligen Bars, in denen er sie vertilgt hat. Unsere Tests ergaben: Beide Bars, das „Floridita“ und das „Mediodita“, taugen nur noch für Schnappschüsse über Dutzende von Touristen-Köpfen hinweg. Die Drinks aber grundsätzlich – nun Hemingway hatte Geschmack. Der Mojito kann nach Urinstein schmecken oder nach Spülwasser, im Idealfall aber nach frischer Minze. Die Besten (man muss schon umfassend testen für ein klares Urteil) hatten wir im Restaurant El Laurel direkt an der Marina in Havanna. Der Frozen Daiquiri kann für ähnlich beschwingte Abende sorgen – zumal reichliche Eiszugaben beim Schmelzen dafür sorgen, dass kostbare Flüssigkeit überläuft. Dagegen hilft nur flottes Konsumieren. Wir hatten die besten bisher in der Bar des Club Havanna. Wer die dort testen will sollte bitte einen BVB-Schal mitnehmen und dort lassen. Bisher fehlt in der fußballerisch dekorierten Bar noch der wichtigste internationale Top-Club überhaupt. Wir waren leider schlecht vorbereitet.

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Von Touristen überlaufen: Die Bodega del Medio, eine von zwei Lieblingsbars Hemmingways – berühmt für ihren Mojito

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Der Innenhof eines restaurierten Palazios – ein Ort der Ruhe und Erholung in der quirligen Altstadt von Havana

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Die besten Frozen Daiquiries (und den besten Internet-Zugang) haben wir im Hotel Club Havana genossen.

Einkäufe

Es gibt (Super-) Märkte. Auffallend: Mal füllt eine Spülmittelsorte unzählige Regalmeter, mal ein Speiseöl. Andere Warenbestände wie Mehl und Zwiebeln fehlen dafür komplett. Für eine Rolle Chips kann man in einem Marina-Shop problemlos 4,50 Euro zahlen. Kubaner kaufen hier sicher nicht. In Großstädten scheint es Läden zu geben, die Friteusen anbieten, aber kaum etwas anderes. Jenseits der Planwirtschaft und jenseits touristischer Preise bieten Straßenhändler oder direkt private Erzeuger Obst und Gemüse preiswert in nationalem Geld an. Nicht immer traut man sich: Die Schlange an einem Transporter voller Kartoffeln deutet an, dass man hier Einheimischen begehrte Produkte nehmen könnte – Parallelwelten, wie einst in unseren heutigen neuen Bundesländern. Zumindest Touristen leiden keinen wirklichen Mangel. Richtig gut essen kann man in privat geführten Restaurants.

Gebäude

Vom Dach des Englischen Hotels in Havanna, direkt neben dem Capitol blickt man nach vorn auf den zentralen Park, schöne historische Gebäude und einen präsentablen Platz. Nach hinten auf Not und Elend. Der Pracht-Boulevard Prado beginnt mit stolzer kolonialer Architektur und ist wie die berühmte Küstenstraße Malecon gesäumt von Verfall und scheinbar unzumutbaren Wohnverhältnissen. Der Krieg den Palästen scheint hier gewonnen zu sein. Ein paar Neubauprojekte kündigen sich an. In der Altstadt von Havanna haben einige Kolonialbauten überlebt und bieten wunderschöne Innenhöfe.

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Blick hinab von der Dachterasse des Hotels Inglaterra auf den Prado, die Prachtstraße Havanas…

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… und ein Blick von der selben Terasse in die Hinterhöfe der Stadt.

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Die Plaza Vieja im Herzen der Altstadt Havanas ist nach ihrer Restaurierung mit Mitteln der Unesco ein Schmuckstück geworden.

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Grundschule in der Calle Obispo – eine Einkaufsstraße vergleichbar mit dem Westenhellweg in Dortmund oder der Kaufinger Straße in München. Der Lärmpegel in dieser Fußgängerzone ist unbeschreiblich.

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Kontraste auch auf dem Land: Zwischen Santa Clara und Cienfuegos haben einstige Kolonialbauten längst kein Dach mehr, Erdgeschosse sind noch bewohnt. Viele Häuser erinnern hier an deutsche Gartenlauben, sind nur weniger gepflegt. In der ertragsreicheren Landwirtschaftshochburg Pinar del Rio und rund um das Tal von Vinnales dagegen finden sich hübschere bunte Lauben, viel private Vermietung an Touristen und Straßenverkauf, weniger bauliche Armut.

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Traumhafte Landschaft im Valle Vinales

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Eine Reise in die Vergangenheit: Pflug mit Ochsen im Geschirr

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Und noch einmal das Valle Vinales – weil es so schön ist.

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In den Bergen des Valle Vinales gibt es viele Höhlen, in denen Sklaven auf der Flucht vor ihren Herren Schutz und Unterschlupf gesucht haben.

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Marinas

Varadero bedeutet Luxussegelstopp quasi in einer Hotelanlage. Die Marina Hemingway in Havanna ist eher griechisch-orthodox. Der Hafenführer aus 2006 beschreibt, dass Schäden aus dem Sturm 2005 nicht beseitig sind und in diesem Fall ist das Buch immer noch aktuell. Die Sanitäranlagen – man bemüht sich. Müll – man bemüht sich wirklich. Das Hotel „Der alte Mann und das Meer“ ist nur noch alt und längst geschlossen. Aber irgendwie hat all das seinen Charme. Ein Seglerparadies scheint Kuba ohnehin nicht zu sein, wenig Marinas, wenig Ankermöglichkeiten wegen Riffs und flacher Gewässer.

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Florentines Liegeplatz in der Hemmingway Marina bei Havana. Hinten links das nicht mehr bewirtschaftete Hotel El Viejo y la Mar (Der alte Mann und das Meer). Auf dem Dach des leerstehendenden Hotels sind offizielle Aufpasser stationiert, die das Geschehen auf See und an Land kontrollieren.

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Eine trockene Erinnerung an Ernest Hemmingway: ein Brunnen vor dem Hotel El Viejo y la Mar (Der alte Mann und das Meer)

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Kein Segelspaß: Die Zufahrt zur Hemmingway Marina bei Windstärke 4 und nördlichen Winden.

Sicherheit

Es wird eifrig kontrolliert. Segeln mit offenen Zielen gibt es auf Kuba nicht. Das Ablegen erfordert Auschecken beim Hafenoffice und dem Zoll mit Angabe des nächsten Zieles, Crewlisten werden sorgfältig dokumentiert, jeder Wechsel festgehalten. Jeden Hotel- oder Marinazugang markieren Sicherheitsleute. Auch Toilettenpapier in Hotels oder Restaurants scheint Schutz zu brauchen. Das Sicherheitsgefühl ergänzt weitsichtiges Personal auf geeigneten Hoteldächern. Wer hier was vor wem schützt? Gute Frage!

Verkehr

Wahnsinn! Echte Vielfalt: Fahrradkarren, einachsige Pferdekarren, auf den Feldern sogar Ochsen vor dem Pflug, Mopedtaxis, Oldtimer, Ladas, asiatische Klein-Pkw, moderne Busse aus asiatischen Ländern, zu Bussen umgebaute Lkw und sogar Tieflader-Busse – das alles teilt sich schlechte Straßen. Rechts oder links – beim Überholen ist ein Schema nicht erkennbar, beim Hupen auch nicht. Mad Max Peter hielt im Leihwagen problemlos mit – könnte klappen? Klappt! Die Ami-Oldtimer sind keine Legende. Gefühlt jeder dritte Pkw hat Haifischlossen oder historische Kühlerfiguren. Unter mancher Haube allerdings brummt längst ein Hyundai-Motor. Und Oldtimerfahrten ohne kundige Vorverhandlung können für Touristen richtig teuer werden. Das Bussystem ist schwer durchschaubar, Überlandbusse brauchen Reservierungen. Eine Rundtour mit dem richtigen Oldtimerchauffeur kann Spaß machen. Klar kriegt der bei jedem Restaurant-Stopp seine Prämie vom Inhaber. Dafür muss er vor dem Start an den Vermittler zahlen.

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Pferdefuhrwerk

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Fahrer der Coconut-Taxis warten auf Kundschaft

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Fahrrad-Taxi in Havana

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Kreuzfahrtschff in der Altstadt von Havana

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… und immer wieder Oldtimer

Ein besonderes Erlebnis ist die Autopista. Sechs Spuren, maximal 100 km/h, mehr wäre den Achsen auch nicht zuzumuten. Auf dem Mittelstreifen wird Käse zum Verkauf angeboten und Bananen. Mal kreuzt ein Pferdekarren, mal rastet dort ein Tross Radrennfahrer. Es funktioniert trotzdem.

Kuba ist eben anders!

Von unserem Freund und Mitsegler Klaus-Peter Wolter (Text und Fotos)

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Statistik:

Varadero – Hemmingway Marina Havana, 91 sm, Hafengeld 18 CUC (17 €), Duschen Note 3

Gesamtstrecke seit Heeg: 12547 sm

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