Viva la Immigraçion!

Fotografieren streng verboten! Der Steg der guardia frontera in der Marina Hemingway.

Fotografieren streng verboten! Der Steg der guardia frontera in der Marina Hemingway.

Unsere Einreiseformalitäten in Varadero waren ja reichlich unkompliziert, obwohl wir auf das Schlimmste gefasst waren. Nicht so hier in Havanna, wo eine Verlängerung unserer Visa fällig wurde. Der erste Gang führte uns vor vier Tagen zum Hafenmeister, der uns an die guardia frontera verwies. Entweder würden die unsere Visa verlängern oder uns den Ort nennen, wo das geschehen könnte. Der Offizier der guardia frontera, des englischen nicht mächtig, erklärte sich für nicht zuständig und schickte uns zur Immigraçion, zur Einwanderungsbörde.

Auf die Frage, wo sich diese befinde, kam nur ein Wort: Playa (spanisch für Strand). Die Bitte, uns doch die Adresse zu notieren, schlug er rundweg und barsch ab. Das könne uns der Hafenmeister sagen. Ihr erinnert Euch: der hatte uns in dieser Angelegenheit zur guardia frontera geschickt. Letztendlich konnte uns dann doch eine nette Dame im Marinabüro eine Adresse nennen und es stellte sich heraus, dass der „Strand“ ein Stadtviertel ist.

Am nächsten Tag setzten wir uns ins Taxi und erreichten am Vormittag gegen 10 Uhr die Immigraçion. Trauben von Menschen in den Warteräumen, der Neuankömmling fragt artig: Ultimo? Wer war der letzte vor mir? Und nimmt Platz. Die Visaangelegenheiten für Ausländer werden in der ersten Etage erledigt vorn drei ansehnlichen jüngeren Damen in Zolluniform mit ultrakurzen Miniröcken und mit ultralangen Fingernägeln.

Während unserer dreistündigen Wartezeit konnten wir die Arbeitsabläufe, wenn man sie so nennen darf, genau studieren. Zuerst werden alle Papiere gesichtet, mehrfach umsortiert und genau gelesen. Der Computer auf dem Schreibtisch kommt nur zur Eingabe der Passdaten zum Einsatz. Der Hauptteil, nämlich die Begründung und die Dokumentation zur Antragstellung der Bewilligung einer Visumsverlängerung wird in Schönschrift und in Zeitlupe auf einem Blatt Schmierpapier notiert, Zungenspitze im Mundwinkel und langes Überlegen, damit man sich nicht verschreibt. Offensichtlich wird ein kleiner Aufsatz über den Bewerber formuliert, der dann später einem höherrangigen Beamten vorgelegt wird, und dieser trifft möglicherweise die Entscheidung über Bleiben oder nicht Bleiben.

Als wir an der Reihe waren, stellte sich heraus, dass uns etliche Dinge fehlten. Zunächst mal die Gebühr von 25 CUC, die nicht in Cash, sondern in speziellen Wertmarken zu entrichten ist. Diese Wertmarken sind natürlich nicht vor Ort zu erstehen, sondern in einer speziellen Bank ungefähr zwei Kilometer entfernt. Wir sollten uns mal auf den Weg machen und müssten anschließend nicht mehr so lange warten, sondern sollten gleich drankommen.

Der Bankbesuch war ein Erlebnis für sich, denn Kathrin durfte leider nicht mit hinein, da sie Shorts und Top trug. In dieser aufreizenden Kleidung ist das Betreten der Bank nicht möglich, wie der Sicherheits- und Sittenwächter an der Tür mitteilte. Aber die Miniröckchen der Zollbeamtinnen stehen auf einem anderen Blatt.

Mit Wertmarken sprachen wir erneut vor und durften auch nach etwa einer halben Stunde wieder vor dem Schreibtisch Platz nehmen, mussten allerdings noch die Mittagessenspause unserer Beamtin abwarten. Die Wertmarken wurden sorgfältig mit Leim auf das Schmierpapier geklebt. Dann fragte sie nach einem Nachweis für unsere Krankenversicherung. Die hatte bei der Einreise keinen Menschen interessiert, daher hatten wir sie auch nicht dabei. Das gültige „despacho“, die kubanische Reiseerlaubnis für Crew und Schiff, die Versicherungspolice für das Schiff und der Marinavertrag waren nicht ausreichend. Die rehäugige Beamtin bedauerte nach Rücksprache mit ihrer Chefin freundlich aber bestimmt. Keine Visaverlängerung ohne Krankenversicherungsnachweis. Mittlerweile hatten wir fast einen vollen Arbeitstag in der Behörde verbracht. Gefrustet traten wir nach sechs Stunden den Heimweg an. Peter fühlte sich wie ein Dampftopf, bei dem in Kürze das Ventil pfeift.

Heute morgen ein erneuter Versuch, nachdem wir unseren Freund und Mitsegler Bernd, der zwischenzeitlich eingetroffen war, bei der guardia frontera und im Hafenbüro angemeldet hatten, was nach knapp zwei Stunden auch schon zügig erledigt war. Dann sofort ins Taxi und ab zur Immigraçion. Mit Krankenversicherungsnachweis auf Deutsch warteten wir ab 12 Uhr hoffnungsvoll auf die Ausstellung unserer Visa. Weit gefehlt! Deutsch kann hier keiner lesen und das Dokument wird nur auf Spanisch oder notfalls auf Englisch entgegengenommen. Englisch kann hier aber keiner vom Personal… Inzwischen war ein halbes Dutzend kubanischer, spanischer, italienischer und argentinischer Mitleidender damit beschäftigt, uns zu dolmetschen und gute Ratschläge zu erteilen.

Die erste Möglichkeit wäre gewesen, mit unserem Dokument zur deutschen Botschaft zu gehen und dort um eine Übersetzung zu bitten. Ob dies dort möglich wäre und wo sich die Botschaft befindet, wusste keiner. Kostenlos wäre es sicher auch nicht gewesen und schnell auch nicht. Die zweite Variante, für die wir uns dann entschieden haben, war der Abschluss einer vierwöchigen Krankenversicherung in Kuba. Zwei Taxifahrten und 155 CUC später standen wir mit kubanischer Krankenversicherung wieder vor dem Schreibtisch der Rehäugigen. (Übrigens war der Erwerb der Versicherung schnell, freundlich und kompetent.)

Kathrin war inzwischen so gefrustet, dass ein Schreianfall drohte. Unsere Versicherungsdaten wurden in Schönschrift auf das Schmierpapier gemalt und dann hieß es wieder warten. Und kaum waren zwei weitere Stunden vergangen, schon hielten wir unsere Visaverlängerung bis zum 1.4. um 17 Uhr in der Hand. Die Mitleidenden freuten sich mit uns, wir hatten das Gefühl, in den vergangenen zwei Tagen bei der Immigraçion einige neue Freunde gewonnen zu haben und inzwischen etliche interessante Lebensläufe kennengelernt.

Fazit: Deutschland wird immer als die Wiege der Bürokratie bezeichnet. Kuba hat diese Kunst allerdings weiterentwickelt und bis zur Vollendung getrieben. In dieser Beziehung können deutsche Ämter echt einpacken!

Bilder gibt es leider keine, da das Fotografieren von Amtspersonen, Behörden, Schriftstücken und allem was dazu gehört, streng verboten ist. Und wir wollten ja nicht riskieren, deswegen noch unangenehm aufzufallen und unsere Visa verweigert zu bekommen.

Jetzt spülen wir unseren Frust mit einem oder zwei Cuba libre herunter – Viva la Immigraçion!

Links oben: Das begehrte Visum

Links oben: Das begehrte Visum

Statistik:

Varadero – Hemingway Marina Havana, 91 sm, Hafengeld 18 CUC (17 €), Duschen Note 3

Gesamtstrecke seit Heeg: 12547 sm

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2 Antworten zu “Viva la Immigraçion!

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