Jamaica – Curacao: Fliegende Segel und blinde Passagiere

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Ankunft in Curacao: Warten vor der Princess Emma Pontoon Bridge

Alle Tanks sind gefüllt, ein Brot gebacken, eine große Schüssel Nudelsalat im Kühlschrank – es kann losgehen. Doch zuerst müssen wir noch ausklarieren. Der Zoll und die Immigration kommen freundlicherweise ans Boot und wir erhalten als Ausreisedokument eine wunderschöne Urkunde, die uns bescheinigt, dass wir von Jamaica nach Curacao segeln wollen. In Schönschrift und mit Stempeln und in Farbe….

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Dekorative Ausklarierungsurkunde von Jamaica

Tag 1 ( Mittwoch 4.5.): Der Wetterbericht hat wie so oft gelogen, der Wind außerhalb der geschützten Bucht von Port Antonio ist deutlich stärker als vorhergesagt. Das Gute daran ist, dass wir mit gerefften Segeln flott vorwärts kommen und Sprit sparen. Der fast leere Tank vor Kubas Südküste ist uns noch deutlich in Erinnerung. So kreuzen wir in großen Schlägen Richtung Haiti – mal Kurs 70 Grad in die eine Richtung, dann Kurs 190 Grad in die andere. Kein berauschender Wendewinkel, aber sobald wir versuchen Höhe zu kneifen, stampft sich Florentine in den beeindruckenden Wellen fest und die Geschwindigkeit geht sofort in den Keller. Unser bewährtes Wachsystem von 6 Stunden – erste Hälfte der Nacht für Peter, zweite für Kathrin – kommt wieder zum Einsatz. Wir müssen uns erst noch ein wenig einschaukeln und an den veränderten Schlafrhythmus gewöhnen.

Tag 2 (Donnerstag 5.5.): Es läuft schon besser, auch wenn die dauernde Schräglage jeden Schritt und jede Tat behindert. Wir bewegen uns in Zeitlupe, Kochen entfällt. Am frühen Morgen passieren wir die unbewohnte Mini-Insel Navassa Island. Sie steht unter amerikanischer Verwaltung. Nicht mal ein Haus steht auf dem trockenen, abweisenden Fels. Danach haben wir plötzlich wieder messbare Tiefen auf dem Echolot stehen. 30 Meter mitten im Ozean? Unser Echolot stellt bei Tiefen von mehr als 200 Meter den Dienst ein. Und jetzt plötzlich 30 Meter? Ein Blick auf die Karte verrät uns, dass wir gerade einen Unterwasserberg passieren, den Grappler Mountain. Innerhalb kürzester Zeit steigt hier die Meerestiefe von 2000 Meter auf 30 Meter und weniger an. Praktisch eine Insel, die es nicht bis an die Oberfläche geschafft hat.

Tag 3 (Freitag 6.5.): Im Morgengrauen erreichen wir Haiti. Der Wachrhythmus klappt gut. Tags sitzt immer einer von uns beiden im Cockpit in Lee, der andere streckt sich im Salon auf der Leekoje aus. Der Wind bläst immer noch mit 20 bis 25 Knoten aus Süd-Südost, so dass wir weiter Strecke nach Osten machen können. Die Nächte sind dunkel und mondlos, am Horizont rund um uns herum heftiges Wetterleuchten, aber gottseidank kein Gewitter über uns. Ansonsten ein ereignisloser Tag.

Tag  4 (Samstag 7.5.): In der Nacht haben wir die Hoheitsgewässer der Dominikanischen Republik erreicht. Dann: Flaute! Wir werfen die Nanni an und nutzen den nachlassenden Seegang zu einer Eimerdusche im Cockpit, nachgespült wird mit 2 Liter Süßwasser fürs Wohlbefinden. Wir reisen weiter die Küstenlinie entlang bis an die Südspitze der Dominikanischen Republik.

Tag 5 (Sonntag 8.5.): Im Laufe der Nacht kommt der Wind zurück, wir können wieder segeln und der Winkel zum jetzt östlichen Wind passt, so dass wir Florentines Bug mit Kurs auf Curacao nach Süden richten können.  Die See ist moderat und wir machen mit 7-8 Knoten durchs Wasser gut Fahrt. Zum Wachwechsel holt Peter Kathrin um 2 Uhr aus der Koje und bittet um Hilfe beim Reffen, der Wind hat ordentlich zugelegt. Zweites Reff  ins Groß und auch die Fock wird gut verkleinert. Peter geht schlafen, Kathrin hört vom Bug her ein Knattern und überlegt, ob die Fock nicht genug dichtgeholt ist, kurbelt, aber das Knattern bleibt und steigert sich. Dann auf einmal hört es sich wie ein Helikopter an: Unser „Turbo“, das große Leichtwindsegel, das eingerollt vor dem Vorsegel steht, hat sich selbständig gemacht und schlägt nun in den 35 Knoten Wind wie verrückt. Peter ist schnell geweckt und zu zweit versuchen wir, das flatternde Tuch zu bändigen. Aber immer, wenn es ein Stück eingerollt scheint, klemmt die Endlos-Schot. Dann faucht die nächste Böe wieder in das supergroße Segel hinein und rollt den Turbo wieder komplett aus.

Im Licht des Wetterleuchtens sehen wir, dass der Turbo inzwischen einen langen Riss hat, was auch erklärt, warum wir ihn nicht eingerollt kriegen. Bei dem ohrenbetäubenden Knattern ist die Verständigung schwierig. Florentine legt sich ordentlich auf die Seite und stampft durch die drei Meter hohen Wellen. Es bleibt nur eins – das Segel fliegen lassen. Herunterholen können wir es nicht, es würde außenbords gehen und sich so schwer mit Wasser füllen, dass wir es niemals zu zweit ins Boot ziehen könnten. Noch schlimmer: Es könnte unter den Rumpf geraten und womöglich mit seinen Leinen in der Schraube hängen bleiben.

Auch das „Fliegen lassen“ des Riesensegels erweist sich als gar nicht so trivial. Zunächst lassen wir das Segel ein Stück weit mit dem Fall bis auf die Wasseroberfläche absinken und nach Lee auswehen, danach können wir die wild um sich schlagenden Schoten kontrolliert ausrauschen lassen und dicht unter der Wasseroberfläche hinter uns herziehen. Dann kriecht Peter angeleint zum Bug, behindert durch das auf dem Vorschiff festgezurrte Dinghi und löst den Schäkel am Hals des Turbo (ein Draht im Vorliek gestattet leider keinen kurzen Prozess per Messerschnitt). Zum Schluss lässt Kathrin vom Cockpit aus das Fall langsam ausrauschen und wir sehen im Licht der Blitze ein gespenstisches Bild: Der Turbo steigt von Florentines Mastspitze schräg nach oben und verschwindet in der Nacht. Gott sei Dank hat sich keine Leine am Mast verhakt oder im Rigg verfangen – nicht auszudenken, bei dem Seegang und dem Wind in den Mast zu steigen. Bye Bye Turbo…

Tag 6 (Montag 9.5.): Weiter kräftiger Wind aus Ost, aber wir kommen gut voran. Plötzlich piepst es und ein kleiner Vogel landet im Cockpit. Dort scheint es ihm aber zu windig zu sein, weshalb er schnurstracks nach unten ins Schiff flattert und im Salon mehrere Positionen ausprobiert. Nun haben wir ja grundsätzlich nichts gegen Passagiere, auch wenn es „blinde“ sind, im Gegenteil, wir freuen uns immer über Besuch an Bord. Nur stubenrein sollte er sein. Der Salon war daher nicht der geeignete Aufenthaltsort für den Piepmatz, fanden wir jedenfalls. Er war anderer Meinung und bestand auf seinem Asylrecht. Nach drei Verscheuchungsaktionen sah er es endlich ein, schaukelte beleidigt noch ein Weilchen auf dem Relingsdraht mit und flog davon, wohl auf der Suche nach einem gastlicheren Schiff. Apropos Schiff: Immer wieder kreuzen große Tanker und Frachter unseren Kurs oder überholen uns. Und alle halten freundlichen Abstand zu Florentine oder weichen aus. Mit dem Wachhabenden der „Spirit of Hamburg“ hat Kathrin ein nettes Schwätzchen und er ist so freundlich, uns einen aktuellen Wetterbericht durchzufunken. Ansonsten bekommen wir unser Wetter über Satellitentelefon vom Wetterfrosch aus München, Sohn Moritz versorgt uns bestens. Danke nochmal dafür!

Tag 7 (Dienstag 10.5.): Jetzt wird’s mühsam. Schon nachts gab es mehrere Regengüsse, die leider, wie so oft, ihren Weg auch in die Vorschiffskabine gefunden haben. Ursache ist ein kleiner Spalt in der Decksdurchführung eines Want-Terminals, das sich ein wenig frei gearbeitet hat. Fakt ist, dass bei starkem Regen oder kräftig überkommender See – und beides hatten wir reichlich – Matratze und Schrank sowie der Boden im Vorschiff nass werden. Es ist unvorstellbar welche Wassermenge durch solch eine kleine Undichtigkeit den Weg ins Innere des Schiffes findet. Das bedeutet, alle nassen Klamotten aus dem Schrank holen und irgendwo im Schiff zu Trocknen aufhängen, damit sie nicht anfangen zu schimmeln. Draußen aufhängen ist keine Option, da erstens Florentine die Reling durchs Wasser zieht und immer wieder mal eine Welle über das Vorschiff auch den Weg ins Cockpit findet und zweitens die Squalls (Regenschauer) heute wie an einer Schnur aufgezogen über uns ziehen. Wir haben Gegenstrom von etwa 1,5 kn  und mit den Squalls dreht der Wind leider regelmäßig etwas südlicher, so dass Peter sich Sorgen macht, ob wir Curacao überhaupt noch anliegen können und schon mal die Hafenhandbücher über Aruba liest. Aber alles wird gut! Der Wind dreht zurück, wird stetig und der Gegenstrom lässt nach. Nochmal eine Cockpit–Dusche, wir wollen ja nicht unangenehm auffallen beim Ankommen.

Tag 8 (Mittwoch 11.5.): Beim ersten Tageslicht erreichen wir Curacaos Nordspitze und segeln im Schutz der Küste weiter bis Willemstad. Zunächst ist es angenehm, die Welle ist weg, aber der Wind bläst böig durch die Einschnitte zwischen den Bergen und als wir das erste Kap gerundet haben, ist leider auch wieder eine blöde Welle von vorne da. So ziehen sich die letzten zwanzig Meilen bis zur Ankunft wie Kaugummi. Es herrscht reger Schiffsverkehr, viele Tanker liegen auf Reede oder laufen ein oder aus. Zum Schluss überholt uns noch ein riesiger Kreuzfahrer, die „Carnival Splendor“, ist aber zu groß um die Lagune von Willemstad anzulaufen und macht an einer Pier außerhalb fest. Wir funken die Hafenbehörde an, denn die Einfahrt zum Kanal nach Willemstad hinein wird durch eine schwimmende Ponton-Fußgängerbrücke versperrt, die auf Anfrage zur Seite gedreht wird. Wir müssen lange vor der Brücke warten, denn offensichtlich sollen auch noch zwei Lotsenboote mit durch fahren. Aber die Welle ist weg, wir können die gelbe Flagge Q setzen und fotografieren. Zauberhaft ist der Anblick der bunten Häuser rechts und links am Quai, Zuckerbäckerstil, holländisch eben. Curacao ist eine niederländische Kolonie. In der Marina angekommen klaren wir das Schiff auf, nehmen ein erstes Ankommerbier und hängen alle nassen Sachen zum Trocknen auf. Dann noch eine herrliche Dusche, ein kurzer Ratsch mit den Bootsnachbarn aus Schweden und den USA und wir fallen in einen wohlverdienten klaftertiefen Schlaf.

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Unser erster Blick auf die holländisch anmutende Stadtansicht von Willemstad

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Endlich: Die Brücke wird geöffnet und Florentine hat freie Fahrt

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Vorbeifahrt an der Uferpromenade und Winke-Winke mit den Gästen

Statistik:

Port Antonio(Jamaica) – Willemstad (Curacao) ,724 sm, Hafengeld 18 €, Duschen Note 2-

Gesamtstrecke seit Heeg: 14980 sm

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