Männerballett in kurzen Hosen

Aufstellung der Besatzung auf dem dänischen Marine-Ausbildungsschiff Svanen beim Auslaufen.

Auch nach Jahren auf See haben wir uns noch nicht satt gesehen. Immer wieder bleiben unsere Blicke an schönen Schiffen kleben. Doch vor ein paar Tagen wurde uns ein wahrer Augenschmaus geboten: Zwei wunderschöne Segelyachten mit klassischen Linien und dazu passend eine Choreographie der Besatzung an Deck, dargeboten von weiß gekleideten Männern in kurzen Hosen.

Das deutsche Segelschiff Alexander von Humoldt II (bei uns Kindern des Werbefernsehens heißt sie nur die Beck’s Bier) treffen wir vor Anker in der Bucht von Marigot, Saint Martin.

Ein wunderschöner Dreimaster mit klassischen Linien, im Gorda Sound der Britischen Jungferninseln

Eine wirkliche Rarität! Wann sieht man schon eine schöne Motoryacht, und dann noch unter dem White Insign – der Flagge der Royal Family?

Klassischer Schoner im Gorda Sound der Britischen Jungferninseln

Wir liegen in der Bucht von Marigot im französischen Teil von St. Martin vor Anker, als wir auf die beiden klassischen Yawls unter dänischer Flagge aufmerksam werden. Kurz vor der Hafeneinfahrt zur Marina Fort Louis drehen sie bei und setzen Flaggensignale. Wir greifen zum Fernglas und entziffern mit Hilfe unseres Flaggenalphabets die vier Signalflaggen: „Mann über Bord“ – „Ich benötige Hilfe“ –„Lotse an Bord“ – und noch einmal „Mann über Bord“.  Häh? Während wir uns noch den Kopf darüber zerbrechen, was uns der Schiffsführer wohl sagen will, nimmt die Besatzung an der dem Hafen zugewandten Seite Aufstellung. Sieben Mann, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, in weißen Uniformen mit kurzen Hosen. Dann beim Schwenk in die Boxenreihe gehen die Fender außenbords – und zwar synchron. Was für ein Ballett!

Ein Hingucker. Die Yawl Thyra bei der Ansteuerung der Marina Fort Louis in St. Martin.

Einen Tag später laufen wir ebenfalls in die Marina Fort Louis ein. Wir hatten dort einen Liegeplatz reserviert, um uns neu zu verproviantieren. Und wie der Zufall es will, bekommen wir einen Liegeplatz am selben Steg zugewiesen, wo auch die beiden Segelschönheiten vom Vortag festgemacht haben. Es handelt sich um die beiden Ausbildungsschiffe Thyra und Svanen der dänischen Marine, wie wir im Gespräch mit einigen Besatzungsmitgliedern erfahren. Mit einem von Ihnen, mit Bootsmann Jimmy, freunden wir uns im Laufe des Abends bei einigen Dosen Bier und nie ausgehender Zigarette an und er erzählt.

Jimmy ist in der Nähe von Flensburg aufgewachsen und spricht hervorragend deutsch. Er ist eins von vier Mitgliedern der Stammbesatzung der Thyra, die außer ihm als Bootsmann noch aus dem Kapitän, dem 1. Offizier und dem Koch besteht. Dazu kommen dann noch vier Offiziersanwärter als Kadetten. Normalerweise beschränkt sich die Ausbildung der Kadetten auf zwei bis drei Wochen in der Ostsee. Thyra und Svanen segeln immer im Duo. Auch auf dem Atlantik waren die beiden Schiffe niemals mehr als 15 Seemeilen voneinander entfernt, um sich im Notfall gegenseitig Hilfe leisten zu können.

Zwei klassische Schönheiten mit weit überhängenden Hecks.

Der für Yawls typische hintere Besanmast der Thyra steht außerhalb der Wasserlinie.

Der Törn der beiden Ausbildungsschiffe über den Atlantik ist aber eine große Ausnahme. Anlass ist ein historisches Jubiläum. Vor 100 Jahren hat Dänemark seine letzten karibischen Kolonien St. Thomas, St. Croix und St. John (die heutigen American Virgin Islands) für 25 Millionen Dollar an die USA verkauft. Als Botschafter unter Segeln besuchen Thyra und Svanen nun ihre US-amerikanischen Kameraden auf den US-Virgin Islands und in der Marine-Akademie von  Annapolis in der Chesapeake Bay.

Am nächsten Tag lädt uns Jimmy zu einer Besichtigung seiner Thyra ein. Oben an Deck ist Thyra eine imposante und gepflegte Erscheinung. Ihre 56 Jahre sieht man ihr nicht an. Die spartanische Ausstattung unter Deck erinnert uns dann doch wieder daran, dass wir uns auf einem Schiff der Kriegsmarine befinden. Schmucklos, aber sauber. Eine Pumptoilette für 8 – 9 Mann. In der Messe als einziges Bild ein Portrait der (kettenrauchenden) Königin Margarete von Dänemark. Der Kapitän und „Der Erste“ haben jeweils eine kleine Kabine für sich. Jimmy und der Koch teilen sich ein kleines, schräges Zimmer im Vorschiff. Die Kadetten schlafen in der Messe und müssen tagsüber alle ihre Spuren verschwinden lassen. Nur ein auf Hochglanz poliertes Steckbrett auf dem Kajütdach verrät ihre Anwesenheit an Bord. Für jedes Besatzungsmitglied gibt es einen Stecker. Wer von Bord geht muss seinen persönlichen Stecker von rechts nach links versetzen. Auch der Kapitän. Wer wissen will, ob der Kapitän an Bord ist, muss aber nicht auf das Steckbrett spicken. Ein Blick zur ersten Saling auf der Backbordseite reicht. Dort wehen die Signalflaggen im Wind, und wenn „Der Alte“ das Schiff verlässt wird der Hilfsstander oder Zahlenwimpel 1 vorgeheißt. Das weiß man als gelernter und geprüfter Segler doch, oder?

Auf den Schulschiffen der Dänischen Marine wird noch alte Segeltradition gelebt. So muss ein perfekt angeschlagenes Vorsegel aussehen.

Blick über das Deck von Thyra nach achtern

Bootsmann Jimmy am Bug der Thyra

Blick in das Decks- und Kartenhaus. Hier wird noch „nach alter Väter Sitte“ mit Karte, Zirkel und Sextant navigiert.

Anwesenheitskontrolle per Steckbrett. Jedes Besatzungsmitglied hat einen persönlichen Pin. Stecker links: Bin weg! Stecker rechts: Bin an Bord!

Wir mussten nachfragen und löchern Jimmy noch mit vielen weiteren Fragen: Wie bringt man die Messingwinschen nur so zum Glänzen? (Tägliche Politur – außer auf See) Wie navigiert ihr? (Karte, Zirkel, Sextant und Nautische Tafeln. Elektronische Navigation nur als Back Up) Ist die Position für den Steuermann an dem schräg stehenden Steuerrad nicht unbequem? Wie sitzt man dort? (Man sitzt nicht, sondern steuert im Stehen. Immer. Es heißt ja schließlich auch, Wache gehen und nicht Wache sitzen).

Blick auf das schräg stehende Steuerrad der Thyra mit Blick nach achtern. Hier wird nur im Stehen gesteuert. Wir lernen: „Es heißt ja auch Wache gehen und nicht Wache sitzen.“

Bleibt noch eine Frage zum Schluss: Jimmy, was hatte die Flaggenparade beim Einlaufen zu bedeuten, „Mann über Bord“ – „Ich benötige Hilfe“ –„Lotse an Bord“ – und noch einmal „Mann über Bord“? Ganz einfach. Das ist unser Rufzeichen Oscar-Victor-Hotel-Oscar  (OVHO) falls uns jemand anfunken will.

Vorbereiten der Signalflaggen vor dem Auslaufen.

Klarmachen zum Auslaufen! Vor dem Ablegen werden unter den aufmerksamen Augen des wachhabenden Offiziers die Signalflaggen mit dem Funkrufzeichen vorgeheißt.

Aufstellung der Mannschaft beim Auslaufen. Unter der Backbordsaling der Svanen wehen wieder die Signalflaggen, in diesem Fall mit ihrem Rufzeichen Oscar-Victor-Hotel-November.

 

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2 Antworten zu “Männerballett in kurzen Hosen

  1. Hallo ihr zwei,
    großartiger Bericht und schön von euch zu lesen. Hier kommt so langsam der Frühling in Schwung… ansonsten geht es allen gut, alle sind wohl auf, gesund und haben sich in den Alltag eingefunden.

    Macht es gut und bis bald mal wieder
    Die ANNEs

  2. Hallo Ihr beiden Supersegler, das sind ja wirklich tolle Schiffsbilder. Die beiden Dänen erinnern mich ein wenig an die gute alte Harmattan.
    Gruß
    Lutz

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