Der Atlantik wirft seine Schatten voraus

 

Olaf hat es in seinem Gast-Ahoi ja schon verraten – wir wollen zurück nach Europa. Drei Saisons in der Karibik sind genug. Nicht dass wir etwa, wie so mancher, den Karibik-Blues hätten („ich kann kein türkises Wasser und keine Palmen mehr sehen“), aber ein wenig europäische Kultur in Form von Architektur, Musik, Museen und Küche fehlen uns schon. Der wichtigste Grund aber ist: wir haben neben Lorne und Dawn jetzt noch zwei weitere Enkelkinder, Finn und Mira, die wir noch gar nicht gesehen haben und an denen wir in Zukunft ein bisschen näher dran sein wollen. Nicht mehr zehn, sondern nur noch zwei bis drei Flugstunden entfernt.

So beginnen nun die Vorbereitungen für die zweite Atlantiküberquerung. Ganz so aufgeregt wie beim ersten Mal sind wir nicht mehr, wir wissen, was wir an Vorräten brauchen (und nicht brauchen), wir haben eine Ahnung, von Wachen und Müdigkeit, von Wellen und viel Wind und von dem, was unter diesen Umständen möglich ist.

Zum Beispiel das Kochen: Auf der ersten Atlantikreise hatte Kathrin das Gefühl, es sich und allen anderen beweisen zu müssen, dass sie imstande ist, jeden Tag ein warmes Essen auf den Tisch zu bringen. Hat auch geklappt, nur dass die Köchin anschließend aussah, wie frisch aus der Sauna gezogen und keinen Appetit mehr hatte. Was der Figur ziemlich gut getan hat, aber Kochen bei drei Meter Welle ist anstrengend und schweißtreibend und muss nicht immer sein. Fertiggerichte und Eingekochtes aufwärmen tut es in diesem Fall auch, kulinarische Höhepunkte gibt es dann wieder an Land. Auch Brotbacken und Teigkneten ist so eine Sache, geht, wenn man muss, muss aber nicht immer sein. Wozu gibt es Aufbackbrötchen und eingeschweißtes Vollkornbrot?

Gebunkert haben wir also schon reichlich. Jetzt ist die Sicherheit dran. Unsere Rettungsinsel wurde zuletzt Anfang 2014 vor Beginn unserer Reise gewartet, jetzt ist ein Service fällig. Das macht hier in Saint Martin Anke Roosens mit ihrer Firma Life Rafts Etc., ihres Zeichens zertifizierte Wartungsstation für Rettungsinseln, Rettungswesten und nebenbei noch Captain eines Seenotrettungsbootes. Einen Termin muss man lange im Vorhinein vereinbaren, dann aber ist man eingeladen, beim Auspacken und Prüfen zuzusehen. Was wir natürlich getan haben.

Ankes Lebensgefährte holt die Insel mit einem kleinen Auto ab, damit wir die etwa 50 Kilo nicht zwei Kilometer weit schleppen müssen. Wir betreten eine blitzsaubere und perfekt aufgeräumte Halle, natürlich nur barfuß. Vor etwa von draußen hereinwehenden Steinchen oder Schmutz schützen große Plastikvorhänge. Nichts darf auf dem Boden herumliegen, was die ausgebreitete Insel beschädigen könnte.

so klein sieht das Rettungsfloß verpackt aus

Anke packt aus

….auf dem blitzsauberen Boden

Zunächst wird die äußere Kapsel entfernt und vorsichtig die Druckluftflasche abgeschraubt. Diese wird später genau aufs Gramm gewogen, ob der Inhalt und damit der Druck noch ausreichend sind. Die Insel wird mittels Kompressor aufgeblasen, auf Dichtigkeit geprüft und zwar mehrmals in 24 Stunden. Das Innenleben wird herausgenommen und geprüft und Anke erklärt und erklärt und erklärt.

Die Druckluftpatrone wird entfernt

und die Insel per Kompressor aufgeblasen

ein wenig dauert es noch

Fertig. Im Normalfall geht das in etwa 30 Sekunden

Anke erklärt uns das Innenleben

und prüft jedes einzelen Teil, ob es noch vollständig und ganz ist, oder ersetzt werden muss

Mit den Riesen-Schraubenschlüsseln wird das Ventil der Patrone entfernt

…. und dann gewogen. Passt!

Wir lernen viel Neues, obwohl wir vor Reiseantritt schon ein zweitägiges Sicherheitsseminar mit praktischen Übungen besucht hatten. Anke bittet uns auch, in der Insel Probe zu sitzen und wir erhalten wertvolle Tipps für den Notfall. Aus erster Hand sozusagen, denn sie kann über viele Rettungen und Übungen berichten. Zum Beispiel soll man sich möglichst gegenüber sitzen und (außer bei Kälte) zu viel Nähe vermeiden, da die Bewegungen der Insel in den Wellen gerne mal Köpfe aneinander schlagen lassen und es so zusätzlich zur Seekrankheit noch böse Gehirnerschütterungen geben kann. Auch die Frage nach dem Toilettengang kann Anke beantworten – es gibt undurchsichtige Plastikbeutel dafür. Wir üben Licht an- und auszuschalten, lernen, wie man die Insel umdreht, falls sie auf dem Kopf gelandet ist und üben das an Bord bringen mittels einer Leine und einem kleinen Gummiring. Nicht den Ring mit den Händen ergreifen, die Kraft erlahmt schnell, sondern eine Schlaufe durch den Ring ziehen und diese über den Kopf und eine Schulter ziehen, dann kann eine im Wasser liegende Person gut geborgen werden.

Am Ende fühlen wir uns gut gebrieft, sehen unsere Rettungsinsel in kompetenten Händen und nach Murphys Gesetz sollte in dieser Hinsicht nichts mehr passieren, denn wir sind ja darauf vorbereitet. Danke, Anke!

Nun beginnt der Blick aufs Wetter, wann ist der richtige Zeitpunkt zum Lossegeln? Außer uns gibt es hier noch ein paar größere und ein paar gleichgroße deutsche Boote, die sich auf die Überfahrt vorbereiten. Irgendwie tröstlich, der Gedanke, dass wir da draußen nicht völlig alleine sein werden, sondern zumindest über Funk in Kontakt bleiben können.

Aber noch ist es nicht soweit, normalerweise plant man die Abfahrt zu den Azoren für Mitte bis Ende Mai. Wir haben also noch eine Menge Zeit, außer es tut sich plötzlich DAS Wetterfenster auf. Gerüstet sind wir, innerhalb von 24 Stunden könnten wir los, nachdem wir nochmal Wasser und Diesel getankt haben und die letzten (frischen) Vorräte besorgt haben.

Wir melden uns auf jeden Fall noch, bevor es heißt: Leinen los mit Ziel Azoren.

Statistik (Nachtrag zum Gastahoi von Olaf)

Marigot (Saint Martin) – Anse Marcel 4 sm, Hafengeld 0 € (Anker)

Anse Marcel – Ile Forchue 17 sm, Hafengeld 0 € (Anker)

Ile Forchue – Gustavia (St. Barth) 4 sm, Hafengeld ca. 10 € (Anker)

Gustavia (St. Barth) – Oranjestad (St. Eustatia) 28 sm, Hafengeld 25 € (Anker)

Oranjestad (St. Eustatia) – St. Kitts 20 sm, Hafengeld 30 US $, Duschen Note 3

St. Kitts – Simson Bay (Sint Maarten) 45 sm, Hafengeld 20 € / Woche (Anker)

Simson Bay (Sint Maarten) – Road Bay (Anguilla) 16 sm, Hafengeld 0 € (Anker)

Road Bay (Anguilla) – Marigot Bay (St. Martin) 16 sm

Strecke: 16140 Seemeilen

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2 Antworten zu “Der Atlantik wirft seine Schatten voraus

  1. Ihr Lieben (noch) oversea!

    Oh ja, da wünschen wir Euch bestes und weiterhin aufmerksames Vorbereiten! Sind sehr gespannt wann es „Leinen los“ heißt! Und wie gut, dass Ihr nicht alleine auf dem Meer sein werdet…
    We keep in contact,
    auf balde!
    Eure Sagos aus Essen

  2. Liebe Kathrin,
    In unregelmäßigen Abständen schmökere ich in eurem Blog und bin immer fasziniert von den exotischen Bildern. Mein Freund, im Gegensatz zu mir ein passionierter Segler, kann sich an den Fotos mit Schiffen nicht satt sehen. Ich wünsche euch eine sichere Überquerung. Ich probiere nach einem Desaster auf dem ijsselmeer nun den Bodensee zu besegeln.
    Und ich hoffe, wir hören mal wieder voneinander.
    Sandra Bachmann

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