Auf La Gomera pfeift nicht nur der Wind

Ein kleines bäuerliches Anwesen am Fuße des Roque Blanco

Nein, wir haben schon windärmere Reviere auf unserer Reise kennengelernt. Auf den Kanaren pfeift uns der Wind ordentlich um die Ohren. Und wenn der Wind mal gerade nicht pfeift und einen Augenblick Luft holt, pfeifen sich die Einheimischen einen – Nein: nicht rein, sondern raus. Also, die unterhalten sich untereinander. Pfeifend.

Silbo nennt man die Pfeifsprache der Gomeros. Früher – in der Zeit vor Telefon und Whatsapp – war Silbo auf La Gomera ein wichtiges Kommunikationsmittel zum Informationsaustausch über die tiefen, schluchtartigen Barrancos hinweg. In der Neuzeit drohte die Pfeifsprache in Vergessenheit zu geraten und wurde als immaterielles Weltkulturerbe von der UNESCO unter Schutz gestellt. Seitdem erlebt Silbo auf Gomera eine Renaissance. Die Pfeifsprache wird jetzt auch in den Schulen unterrrichtet. Dabei erweist sie sich nicht nur als Touristenattraktion in Nepprestaurants (immer gut zu erkennen, wenn mindestens fünf Reisebusse mit Kreuzfahrern vor der Tür parken). Nein, auch im täglichen Leben erweist sich die Pfeifsprache mitunter als große Erleichterung bei der Bewältigung des hügeligen Alltags. Dazu muss man wissen, dass fast alle Häuser auf Gomera mangels flacher Alternativen an den Hang oder in den Berg gebaut werden. So erstreckt sich ein Einfamilienhaus mit Gästezimmern und Garten schon gerne mal über 20-30 Höhenmeter mit entsprechend vielen Treppenstufen. Schon praktisch, wenn sich Mann und Frau über vier Etagen pfeifend unterhalten können.

Als gewöhnliche Gäste auf der Terrasse eines Lokals wurden wir Zeuge eines solchen Pfeifdialogs. Anlass: Ein Wanderer fragt den Patron, ob er auch Zimmer vermiete. Dieser tritt an die Brüstung und pfeift nach unten in den Garten: „Flütüttüüütditüüüütütüt?“ (Freie Übersetzung: Haben wir noch ein Zimmer frei?). Antwort von unten: „Tülüflüttüüütütt!“ (Jau, geht klar!). Zimmer vermietet.

Soweit zu den pfeifenden Gomeros. Doch um noch einmal auf den pfeifenden Wind zurück zu kommen. Der Wind macht uns wahnsinnig. Wir verstehen ihn nicht. Er macht mit uns was er will. Na klar haben wir im Rahmen unserer Segelausbildung eine Menge über Fallwinde, über den Düsen- und den Kappeffekt gelernt. Auf den Kanaren gesellen sich noch besondere Windbeschleunigungszonen (accelaration zones) entlang bestimmter Küstenabschnitte hinzu. Wann uns welcher Windeffekt erwischt, kommt einer Lotterie gleich. Da helfen auch keine Wettervorhersagen weiter. Sie geben ungefähr ein statistisches Mittel an. D. h.: Bei einer angesagten Windstärke von 12-15 Knoten, rechnet man realistisch mit Wind zwischen 3 und 30 Knoten. Wir haben aber auch schon erlebt, dass nur 3-5 Knoten angesagt waren und trotzdem knallte uns der Wind plötzlich fast in Sturmstärke in die Segel. Jüngstes Beispiel, unser Tagestripp von La Gomera zurück nach Teneriffa: Innerhalb von 12 Stunden hatten wir auf einer Strecke von 70 Seemeilen Wind zwischen zweieinhalb (leichter Wind, Beaufort 1) und 34 Knoten (stürmischer Wind, Beaufort 8), und zwar von hinten, rechts von der Seite, links von der Seite und genau auf die Nase. Irre!

Den bislang stärksten Wind haben wir jedoch im Hafen von San Sebastian auf Gomera erlebt. Ein Wintersturm mit ungewöhnlicher Dünung aus Südwest legte zweitweise den Fährbetrieb lahm. Bis zu 60 Knoten (orkanartiger Sturm) zeigte unser Windmesser an und Florentine tanzte am Steg Rock `n` Roll.

Die  Kreuzfahrtmole von San Sebastian. Der Fährbetrieb wurde vorübergehend eingestellt.

Brandung und wogende Gischt vor Valle Gran Rey

Jeanneau-Yacht mit geknicktem Mast.

Das ist kein Wasserfall, sondern die Brandung in den Felsen vor dem Hafen von San Sebastian.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Wir saßen gerade mit Jochen, unserem Segelfreund aus Hamm, beim Frühstück, als sich Florentine plötzlich heftig auf die Backe legte. Erst auf die eine Seite, dann auf die andere. Wir benötigten alle sechs Hände um Teller, Tassen und Gläser auf dem Tisch zu sichern. Nach zwei Minuten war der ganze Spuk vorbei. Wir sprangen an Deck und blickten in die entsetzten Gesichter unserer Nachbarlieger. Ein Motorboot hatte sich losgerissen und trieb vor unserem Bug. Das Wasser war übersät mit losgerissenen Rettungskragen, Müll und Unrat. Ein Tornado mit Wasserhose war über den Hafen hinweg gezogen. Der Wasserstand im Hafen schwankte um mehr als einen halben Meter und setzte die ganze Steganlage in Bewegung, mit dem Effekt, dass eine Gangway vom Land zum Steg einfach ins Wasser plumpste, als der Steg auf Drift ging.

Ein Tornado hat die komplette Steganlage in der Marina La Gomera in Bewegung versetzt und dabei einen der Zugänge zum Land zerstört.

Das klingt jetzt gewiss etwas dramatisch und gibt auch nicht ganz unser Leben in den vergangenen Wochen wieder, die wir mit vielen Freunden aus Deutschland genossen haben. Kaum hatten uns die JaJas, Tschio, Melanie und Klaus-Peter verlassen, konnten wir schon unseren Freund Jochen aus Hamm auf der Florentine begrüßen. Jochen ist ein begeisterter Wanderer und Fotograf, mit dem wir gemeinsam die Insel erkundet haben. Das heißt: Wir haben ihn an einer einsamen Stelle in den Bergen mit dem Auto ausgesetzt und ein paar Stunden später an einer lauschigen Stelle mit Restauration unten im Tal wieder aufgepickt. Jochen verdanken wir folgende eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen von La Gomera.

Wellen am Strand von Valle Gran Rey

La Gomera Joche 148

Der obere Teil des Valle Gran Rey

Mandelblüte

Der Barranco de Hermigua

Es gibt so viele unterschiedliche Landschaften auf La Gomera. Hier die rote Erde in der Nähe des Mirador de Abrante, oberhalb von Agulo.

Teilweise geht es von den Bergen steil herab bis auf Meeereshöhe.

Der Lorbeerwald (Regenwald) auf La Gomera wird als Urwald ohne jeden menschlichen Eingriff geschützt.

Unser Freund Jochen kurz bevor wir ihn in der Wildnis ausgesetzt haben. Er wollte es nicht anders, er liebt das Wandern in den Bergen.

Blick auf die Nachbarinsel Teneriffa mit dem markanten Gipfel des Teide

Bananenpflanze

Moose und Flechten überwuchern die Bäume im immerfeuchten Lorbeerwald.

Diese malerische Straße nach Cedro führt durch den Lorbeerwald

Blick in das Tal von Hermigua

Palmenhain über Hermigua

Einer von zahlreichen kleinen Wasserfällen im Lorbeerwald

Das Wandernetz auf La Gomera ist gut markiert aber mitunter anspruchsvoll. Auch mit Steinschlag muss nach starken Regenfällen gerechnet werden.

Wir Florentiner: Kathrin und Peter

Nach Jochen besuchten uns die BuMs, unsere österreichischen Freunde Barnie und Martina mit ihrem Sohn Viktor, der mit seinen dreieinhalb Jahren auf dem besten Wege ist, ein genau so leidenschaftlicher Segler zu werden wie sein Vater. Besonders viel Spaß hatten Vater und Sohn bei ihren Strandausflügen mit Florentines Dinghi. Dabei entdeckten sie nicht nur einen Schatz, sondern stießen in einer einsamen Bucht vor Playa de Santiago auch noch auf nackte Höhlenmenschen (siehe Beweisfoto unten), die in früherem Zeiten angeblich als Hippies in Valle Gran Rey, an der Westseite Gomeras gelebt haben sollen.

Unsere Freunde Martina und Barnie lassen sich von ihrem Sohn Viktor in Florentines Dinghi spazieren fahren.

Es gibt sie noch, die Höhlenbewohner auf Gomera – diese hier leben in einer kleinen Bucht in der Nähe von Santiago.

In wenigen Stunden machen wir uns auf den Weg nach Lanzarote. Dort erwarten wir am Monatsende unseren zweitjüngsten Enkel Finn mit seinen Eltern Gloria und Bastian. Das wird ein besonderer Besuch, denn Finn ist der einzige von unseren vier Enkeln, den wir bis heute noch nicht selbst auf den Arm nehmen und persönlich kennenlernen konnten.

Statistik: 20795 sm seit Heeg , Reisetag 1413

San Sebastian (Gomera) – Santiago (Gomera), 9 sm, Hafengeld 0 €, Anker

Santiago (Gomera) – Valle Gran Rey (Gomera), 11 sm, Hafengeld 0 €, Anker

Valle Gran Rey (Gomera) – San Sebastian (Gomera), 21 sm, Hafengeld 0 €, Anker

San Sebastian (Gomera) – Santiago (Gomera), 9 sm, Hafengeld 0 €, Anker

San Sebastian (Gomera) – El Cabrito (Gomera), 4 sm, Hafengeld 0 €, Anker

El Cabrito (Gomera) – San Sebastian (Gomera), 4 sm, Hafengeld 0 €, Anker

San Sebastian (Gomera) – Santa Cruz de Teneriffa, 72 sm, Hafengeld 16 €, Duschen Note 1

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